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LITERATUR DES MONATS

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Studie: Vasopressin versus Adrenalin bei der Reanimation

Am 8. Januar 2004 wurde im New England Journal of Medicine eine der größten europäischen Studien zur cardiopulmonalen Reanimation mit prospektiv erhobenen Überlebensraten publiziert, deren wesentliche Ergebnisse im Folgenden zusammengefasst dargestellt werden (Wenzel et al.: A comparison of Vasopressin and Epinephrine for Out-of-Hospital Cardiopulmonary Resuscitation, N Engl J Med 2004;350:105-13).
In dem randomisierten, doppelblinden, prospektiven, kontrollierten Studienansatz unter Federführung der Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin Innsbruck wurde die Verabreichung von Vasopressin mit dem bisherigen Standardvorgehen bei Reanimation (Gabe von Adrenalin) verglichen. Primärer Endpunkt war das Überleben bis zur Krankenhausaufnahme, sekundärer Endpunkt die Entlassung aus dem Krankenhaus (unabhängig vom neurologischen Zustand).
Als Ausschlusskriterien galten unter anderem fehlender venöser Zugang, Herzkreislaufstillstand bei unter 18-Jährigen, in der Schwangerschaft oder auf Grund eines Traumas sowie die primär erfolgreiche Defibrillation vor Gabe eines Medikamentes.

In die Studie wurden insgesamt 1219 Patienten im Zeitraum von Juni 1999 bis März 2002 einbezogen, die einen außerklinischen Herzkreislaufstillstand erlitten hatten und Kammerflimmern, pulslose elektrische Aktivität oder Asystolie aufwiesen. Von diesen mussten 33 Patienten wegen fehlender Angabe, welches der beiden Medikamente verwendet worden war, ausgeschlossen werden, so dass schließlich die Daten von 1186 Patienten ausgewertet werden konnten.
Die Studienpatienten erhielten entweder 1 mg Adrenalin (Suprarenin®, 597 Patienten) oder 40 IU Vasopressin (Pitressin®, 589 Patienten). Sofern keine Wiederherstellung der Kreislauffunktion erfolgte, wurde das jeweilige Studienmedikament nochmals in der gleichen Dosierung verabreicht. Führte auch dies nicht zu einem Wiedereinsetzen der Herzkreislauffunktion, erfolgten nach Maßgabe des behandelnden (Not-)Arztes weitere Gaben ausschließlich von Adrenalin. Daneben konnten dann auch andere Medikamente wie Natriumbicarbonat, Atropin, Lidocain, Amiodaron und Fibrinolytika verabreicht werden.

Ergebnisse (s. auch Tabellen 1 und 2):

Am häufigsten wiesen die Patienten als initialen Herzrhythmus Asystolie auf (528 Patienten, 44,5%), gefolgt von Kammerflimmern (472 Patienten, 39,8%) und - deutlich seltener - pulsloser elektrischer Aktivität (186 Patienten, 15,7%). Zwischen den beiden Studiengruppen (Adrenalin oder Vasopressin) war hierfür kein signifikanter Unterschied nachweisbar.
Bei Patienten mit Kammerflimmern oder pulsloser elektrischer Aktivität ergab sich für die beiden Studiengruppen kein signifikanter Unterschied in der Überlebensrate. Patienten mit Asystolie, die Vasopressin erhielten, überlebten hingegen signifikant häufiger bis zur Krankenhausaufnahme (29,0% vs. 20,3%) und Entlassung aus dem Krankenhaus (4,7% vs. 1,5%) als die Patienten der Adrenalin-Gruppe.
Außerdem wiesen Patienten, die nach zweimaliger Verabreichung von Vasopressin weitere Gaben von Adrenalin erhalten hatten, ebenfalls eine signifikant höhere Überlebensrate bis zur Krankenhausaufnahme (25,7% vs. 16,4%) und Entlassung (6,2% vs. 1,7%) als nur mit Adrenalin behandelte Patienten auf.
Der Vergleich des neurologischen Zustandes der überlebenden Patienten erbrachte für keine der genannten Gruppen einen signifikanten Unterschied.
Weiterhin wird angeführt, dass die Überlebensrate bis zur Krankenhausaufnahme bei Patienten mit beobachtetem Herzkreislaufstillstand signifikant höher war als bei Patienten ohne beobachteten Stillstand (38,3% vs. 16,1%) ebenso wie bei Patienten, bei denen innerhalb der ersten zehn Minuten nach Ereignisbeginn Basisreanimation durchgeführt wurde im Vergleich zu Patienten, bei denen die Basisreanimation später als zehn Minuten begonnen wurde (43,8% vs. 20,7%).
Obwohl der Herzkreislaufstillstand bei 76,8% der Patienten der Vasopressingruppe und bei 79,7% der Patienten der Adrenalingruppe beobachtet worden war, wurden nur bei 18,8% der Patienten der Vasopressingruppe und nur bei 17,9% der Patienten der Adrenalingruppe Reanimationsmaßnahmen durch Anwesende durchgeführt. Die Dauer von Ereignisbeginn bis Beginn Basisreanimation wird für beide Studiengruppen mit 7,9±6,4 min angegeben.

Zusammenfassend fand sich kein Unterschied bezüglich der Überlebensrate bei Patienten mit Kammerflimmern oder pulsloser elektrischer Aktivität, wohingegen Vasopressin bei Patienten mit Asystolie dem Adrenalin überlegen war. Ebenso führte die Gabe von Vasopressin vor Verabreichung von Adrenalin bei zunächst therapierefraktärem Herzkreislaufstillstand zu einer höheren Überlebensrate als die alleinige Verabreichung von Adrenalin.



Tabelle 1: Auswertung für alle Patienten beider Studiengruppen (n=1186)

Analysierte
Variable
Vasopressingruppe
(n=589)
Adrenalingruppe
(n=597)
P-Wert Odds-Ratio
(95% CI)
Beobachteter Herzkreislaufstillstand 448/583
(76,8%)
472/592
(79,7%)
0,53 k. A.
Basisreanimation durch Anwesende 111/589
(18,8%)
107/589
(17,9%)
0,68 k. A.
Pat. mit Asystolie, Überleben bis KH-Aufnahme 76/262
(29,0%)
54/266
(20,3%)
0,02 0,6
(0,4-0,9)
Pat. mit Asystolie, Überleben bis KH-Entlassung 12/257
(4,7%)
4/262
(1,5%)
0,04 0,3
(0,1-1,0)


Tabelle 2: Auswertung für die Patienten, die nach zweimaliger Verabreichung des Studienmedikamentes weitere Gaben von Adrenalin erhielten (n=732)

Analysierte
Variable
Vasopressingruppe
(n=373)
Adrenalingruppe
(n=359)
P-Wert Odds-Ratio
(95% CI)
Überlebensrate bis zur KH-Aufnahme 96/373
(25,7%)
59/359
(16,4%)
0,002 0,6
(0,4-0,8)
Überlebensrate bis zur KH-Entlassung 23/369
(6,2%)
6/355
(1,7%)
0,002 0,3
(0,1-0,6)
CI: Konfidenz-Intervall
KH: Krankenhaus
k. A.: keine Angabe



Anmerkung:

Diese Studie nimmt auf Grund des Studiendesigns und der Größe methodologisch eine herausragende Stellung ein und lässt sich in Kategorie 1 der "Level of Evidence" einordnen.

Auch in dieser Studie verdeutlicht die höhere Überlebensrate von Patienten, bei denen innerhalb von zehn Minuten nach Ereignisbeginn mit der Basisreanimation begonnen wurde, den hohen Stellenwert eines frühest möglichen Beginns der Reanimationsmaßnahmen, die bereits vor Eintreffen des Rettungsdienstes durchgeführt werden sollen und müssen.

Als mögliche Erklärung für die Überlegenheit von Vasopressin bei den genannten Patientengruppen (Patienten mit Asystolie und Patienten, die vor Verabreichung von Adrenalin Vasopressin erhielten) führen die Autoren die ausgeprägte Ischämie bei Asystolie mit konsekutiver Azidose an, die die Katecholaminwirkung deutlich herabsetzt. Die Wirksamkeit von Vasopressin hingegen ist bei extremer Azidose nicht vermindert. Zusätzlich wird postuliert, dass beide Medikamente die Wirkung des jeweils anderen verstärken.
Bemerkenswert quasi als Nebenergebnis dieser Studie sind die höheren Überlebensraten bis zur Krankenhausaufnahme für Patienten, die mit Amiodaron behandelt wurden (79 von 163 Patienten, 48,5% vs. 321 von 1023 Patienten, 31.4%, die kein Amiodaron erhielten) sowie für Patienten, bei denen eine Fibrinolyse durchgeführt wurde (45 von 99 Patienten, 45,5% vs. 355 von 1087 Patienten, 32,7%, die nicht lysiert wurden).

Im seinem Editorial zu dieser Studie empfiehlt Kevin M. McIntyre vor allem auf Grund der positiven Ergebnisse bei Patienten mit Asystolie und primär therapierefraktärem Herzkreislaufstillstand, Vasopressin unverzüglich den entsprechenden Stellenwert als Medikament in den Leitlinien und somit in der Therapie der Reanimation zukommen zu lassen. In Deutschland ist Vasopressin derzeit noch nicht als Medikament für diese Indikation zugelassen.

© 2010 Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen e.V.
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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