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Crew Resource Management (CRM) in der Luftrettung


Dr. Alfred Hünichen
Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen
Klinikum Ingolstadt
RTH-Station »Christoph 32«


»Gefährlich ist der Flugbetrieb, weil alles mit allem verbunden ist, sicher ist er, weil diese Verbindungen aktiv genutzt werden, weil sie durch das gemeinsame Interesse an der Luftfahrt zu einer Gemeinschaft verbunden sind. Deshalb ist isoliertes Handeln unmöglich.«, sagt Brauner 1994 in der Publikation über Kommunikation in der Luftfahrt (Schweizer Rückversicherung, Zürich). »Many aviation accidents are the result of cumulative and preventable errors ...« konstatieren Williams, Rose und Simon 1999 in einer Veröffentlichung im Air Medical Journal. In der Medizin stellt man sich zunehmend dieselben Fragen wie in der Luftfahrt und findet dabei vergleichbare Kommunikationsprozesse, die zu vergleichbaren Lösungsansätzen führen. Das betrifft sowohl notfallmedizinische Abläufe in Luft- und Bodenrettung, als auch im Schockraum und Operationssaal. In der Luftrettung hat der Rettungsassistent als »HEMS crew member« eine zweifache Aufgabe. Zum einen steht er dem Piloten (bei Single-Pilot-Flugbetrieb) unterstützend zur Seite, zum anderen muss er eine Assistenztätigkeit gegenüber dem Notarzt ausüben.

Die Joint Aviation Authorities (JAA) legten in den Joint Aviation Requirements (JAR) 1995 die Bedingungen für eine HEMS crew member Schulung fest. In JAR-OPS 3 + 4 Section B wird unter Subpart N (Cockpit) und 3.005 (d) Annex 1 (HEMS) ein Crew Resource Management Training (CRM) gefordert. Die für uns gültige deutsche Übersetzung (Bundesanzeiger Nr. 182a, 1998) der europäischen Richtlinien fordert ein Training für die Zusammenarbeit zwischen den Besatzungsmitgliedern und Übungen zur Reaktion auf HEMS Anweisungen.

Die Konsensgruppe Luftrettung bezieht sich in ihrem Abschlußbericht aus dem Jahre 2000 ebenfalls auf »JAR-OPS 3 deutsch« zum 1. Oktober 1998 und fordert zur Aufgabenverteilung zwischen Pilot und Rettungsassistent ein »Crew Coordination Concept«, wenn der Hubschrauber mit einem Piloten betrieben wird. HEMS crew member sind in einem Einführungslehrgang und durch jährliche Schulungen auch in CRM zu unterrichten.

Ziel dieser gesetzlichen Rahmenerlässe und Ausführungsbestimmungen ist eine Verbesserung und Standardisierung von operationellen Verfahren, Arbeitsabläufen und der Kommunikation, um die Gaefahr eines sogenannten »menschlichen Versagens« zu minimieren. Es geht also um eine Verbesserung der Crew-Arbeit. Operationelle Verfahren dafür sind z. B. sogenannte »Standard Operation Procedures« (SOP) sowie auch Communication Rules, wie z. B. »Call outs« oder Briefing-Strukturen.

Crew Resource Management (CRM) ist die sinnvolle Nutzung aller zur Verfügung stehenden Resourcen, sowohl der Flight-Crew als auch der Ground-Crew und aller technischen Systeme und Informationsquellen, um eine sichere und effiziente Durchführung der Aufgaben zu erreichen. Um dies zu gewährleisten sollen durch CRM die Kommunikations- und Managementfähigkeiten der Luftfahrzeugbesatzungen bzw. Teams verbessert und trainiert werden. Es geht um die »Flight Crew Performance«, d. h. um »non technical aspects«.

Notarzt-Teams stehen vergleichbaren Problemen und Aufgaben gegenüber. Fehler und Fehlverhalten im medizinischen Bereich sind vergleichbar multifaktoriell und folgen den Gesetzen einer Fehlerkette. Dies führt zu dem Begriffen »Human Error« und »Human Performance Limitation« als wichtige Teil einer Fehlerkette. Human Error ist ein Teil des Begriffes »Human Factor«, der nach Sheridan und Young (Aerospace Medicine, 1996), auch die Interaktion zwischen am Geschehen beteiligten Menschen beinhaltet.

Beim Crew Resource Management (CRM) Training unterscheidet man vier Bausteine: »Cooperation«, »Leadership« and »Management Skills«, »Situation awareness« sowie »Decision making«. »Cooperation« fördert die Teamarbeit, berücksichtigt alle Crew Mitglieder, wirkt unterstützend und löst Konflikte nach dem Grundsatz: »was ist richtig« und nicht »wer hat recht«. »Leadership and mangement skills« bedeutet, strukturiert zu denken und zu handeln, Prioritäten zu setzen, die Crew bzw. das Team über Planung und Ziele motivierend zu informieren. »Situation awareness« heißt, ein genaues mentales Bild der Faktoren und Umgebungsbedingungen in Bezug auf die Erreichung eines Zieles zu haben und strukturiert zu verarbeiten. »Decision making« in Notfallsituationen verlangt, daß alle verfügbaren Informationen genutzt werden und nach Analyse, entsprechend der Vorschriften und festgelegten Verfahrensregeln (Procedures bzw. Algorhythmen) zur Problemlösung verwendet werden. Williams, Rose and Simon prägten1999 den Begriff »event driven decision making«, der den fließenden Prozeßablauf der Entscheidungsfindung sehr gut veranschaulicht.

Der zentrale Punkt von CRM-Training ist Kommunikation. Kommunikation ist ein Prozess bei dem Informationen gesendet und empfangen werden. Fehlerquellen der Kommunikation sind z. B. falsche Kodierung, d.h. der Sender codiert unklar und unpräzise (»schlampige Ausdrucksweise«, nicht verstandene Fachausdrücke etc.). Auch eine falsche Dekodierung (missverstehende Interpretation) und fehlendes Feed back (Rückmeldung) führen zu Kommunikationsfehlern. Ebenso gehört das ungewollte Auslösen von nicht situationsgerechten Emotionen zum Themenkomplex Kommunikation. An dieser Stelle sei das Vier-Seiten-Modell-einer-Nachricht nach Schulz von Thun, 1981, nur erwähnt.

In unserer Arbeitswelt gelten gefühlsbetonte Reaktionen als unangemessen. Rationalität, oder besser subjektiv vermeintliche Rationalität, beherrscht das Verhalten der Menschen am Arbeitsplatz. In den meisten Organisationen hat sich dadurch ein verschlossenes und defensives Kommunikationsmuster gebildet. Demgegenüber sollte jedoch ein offenes und akzeptierendes Kommunikationsverhalten entstehen. Zum Beispiel die Transaktionsanalyse nach Berne, 1967, (Eltern-, Erwachenen- und Kinder-Ich) ist eine der Möglichkeiten, sich mit diesem Problem zu befassen. Gruppendynamik, Konfliktverhalten und Konfliktlösung sind weitere wichtige Bausteine eines CRM-Trainings. Es geht darum, die eigenen Emotionen und die des anderen wahrzunehmen, die eigenen Emotionen zu kontrollieren und Vertrauen herzustellen. Probleme lassen sich besser lösen durch das Erkennen eines gemeinsamen Zieles.

Hünichen Alfred, München, 17.01.02
© 2010 Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen e.V.
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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