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Die Bedeutung medizinischer Algorithmen für die Notfallmedizin



K.-G. Kanz, U. Lewan, L. Schweiberer

Chirurgische Klinik und Poliklinik, Klinikum Innenstadt,
Ludwig-Maximilans-Universität München
und Arbeitskreis für Notfallmedizin und Rettungswesen der LMU



Index:

Zusammenfassung

Einleitung
Charakteristika medizinischer Algorithmen
Darstellung von Algorithmen
Literatur


Zusammenfassung:

Geregelte Prozeßabläufe führen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu besserer Qualität im Behandlungsverlauf und -ergebnis als Improvisation und kreatives Chaos. Algorithmen in der Notfallmedizin ermöglichen eine systematische und praktikable, schnelle und sichere Umsetzung festgelegter Behandlungsrichtlinien- und empfehlungen.

Algorithmen folgen formalen Regeln und bilden Entscheidungs- und Behandlungsabläufe sowie Problemlösungen durch festdefinierte Anweisungen ab. Die Darstellung des Entscheidungsablaufes erfolgt hierbei durch Flußdiagramme, die mittels eindeutig definierter Ja/Nein-Kriterien der binären Logik folgen.

Die systematische Anordnung der Entscheidungsknoten geschieht prioritätenorientiert und legt dadurch den Zeitpunkt und Ablauf der jeweiligen Einzelprozesse in einer logischen Abfolge fest (17). Somit gelingt es, komplexe Behandlungskonzepte in einen koordinierten, logischen und nachvollziehbaren Gesamtprozeß mit systematischem Ablauf umzusetzen (23).

Die Anwendung von Algorithmen ermöglicht eine systematische Fehlersuche im Rahmen des Qualitätsmanagements (26). Systemimmanente, immer wieder auftretende Fehler und Probleme können bei einheitlichem Vorgehen eindeutig identifiziert und korrigiert werden (Abb. 1). Bei verschiedenen unterschiedlichen Vorgehensweisen ist dies auch wegen der größeren Anzahl von Variablen oft nicht eindeutig möglich.


Abbildung 1: Fehlersuche


Einleitung:

Der Begriff Algorithmus geht auf den arabischen Mathematiker al Chwarismi zurück, dessen um 820 entstandenes Algebralehrbuch in der spätmittelalterlichen lateinischen Übersetzung mit den Worten »Dixit Algorizmi« betitelt wurde (31). In Verbindung mit dem griechischen Wort »arithmos« für Zahl wurde der Begriff zunächst für die Rechenregeln des in der Renaissance in Europa eingeführten arabischen Dezimalrechnens gebraucht. In der Mathematik werden mit Algorithmen Rechenverfahren bezeichnet, die bestimmte umfangreiche Rechenaufgaben in einer Kette von einzelnen einfachen Rechenschritten lösen, so zum Beispiel beim Euklidischen Algorithmus zur Bestimmung des größten gemeinsamen Teilers oder beim Gaußschen Algorithmus zur Lösung von linearen Gleichungen.

Die schrittweise Umsetzung und formale Erfassung eines mathematischen Problems durch Algorithmen ermöglichte die Implementierung von Rechenvorgängen in Computern und führte in der Informatik und Datenverarbeitung zur Entwicklung der Programmiersprachen ALGOL als Abkürzung für Algorithmic Language und FORTRAN als Abkürzung für Formula Translator (32). Mit dem Begriff Algorithmus wird allgemein eine formatierte Folge von festgelegten Anweisungen zur Lösung eines komplexen Problems in endlich vielen Verarbeitungsschritten beschrieben.


Charakteristika medizinischer Algorithmen

  • Algorithmen repräsentieren anerkannte Richtlinien.
  • Algorithmen bilden einheitliche Behandlungsleitlinien.
  • Algorithmen gestatten begründete Abweichungen.
  • Algorithmen zerlegen komplexe Probleme in Einzelschritte.
  • Algorithmen zeigen einen strukturierten Lösungsweg auf.
  • Algorithmen vermitteln trotz Zeitdruck Sicherheit.
  • Algorithmen machen Behandlungsabläufe transparent.
  • Algorithmen ermöglichen eine systematische Fehlersuche.


Darstellung von Algorithmen

Für den Bereich der Informatik und Datenverarbeitung ist die Darstellung von Flußdiagrammen mittels Symbolen durch die ISO-Norm 5807 (12) beziehungsweise DIN-Norm 66001 (5) durch technische Regeln festgelegt und normiert (Abb. 2).



Abbildung 2: Bedeutung der Algorithmus-Symbole nach ISO / DIN / CCITT

Der Anfangspunkt oder die Endpunkte eines Flußdiagramms werden durch das Terminatorsymbol gekennzeichnet. Rechtecke stellen die Verarbeitung, Rauten die Verzweigungen oder Entscheidungsknoten dar. In der CCITT-Norm für den Datentransfer in der Telekommunikation finden sich zusätzlich spezielle Symbole für die Meldungen von und zum Netzwerk. Die einzelnen Bestandteile werden systematisch angeordnet und durch Richtungspfeile logisch miteinander verknüpft.
Um eine hinreichende Übersichtlichkeit bei der Formatierung von komplexen Vorgaben zu erreichen, kann die Bedeutung der in der ISO- und DIN-Norm angegeben Symbole (Abbildung 3) geringgradig modifiziert werden. Das relativ großflächige rautenförmige Symbol »Verzweigung« wird durch das graphisch besser verwendbare Symbol »Programmmodifikation« ersetzt.


Abbildung 3: Medizinischer Algorithmus – Symbole


Die Verzweigungen oder Entscheidungsknoten selbst werden, den Regeln der Booleschen Logik entsprechend, durch eindeutig festgelegte Ja/Nein-Kriterien definiert und die Symbole untereinander mit Richtungspfeilen verknüpft. Durch fakultativ in den Algorithmus eingeschaltete Checklisten läßt sich die Zahl der Verzweigungen wie auch der Gesamtumfang im Sinne einer besseren Übersichtlichkeit begrenzen.
Das unspezifische Symbol »Terminator« für die Ein- und Ausgangspunkte wird durch die gerichteten Symbole »Meldung von Anwender« und »Meldung zum Netzwerk« ersetzt. Durch eindeutige Definition von Ein- und Ausgangspunkten können komplexe Algorithmen zusammenhängende Teilalgorithmen als Komponenten des Gesamtprozesses aufgeteilt werden. Die systematische Anordnung der Entscheidungsknoten und der damit verbundenen diagnostischen und therapeutischen Schleifen erfolgt prioritätenorientiert und legt dadurch den Zeitpunkt und den Ablauf der jeweilgen Maßnahmen systematisch in einer logischen Abfolge fest (2, 16, 23, 30).

In der Grundstruktur der Algorithmen werden aus Gründen der Übersichtlichkeit und Praktikabilität die entscheidenden Verzweigungen als lineare Grundstruktur linksseitig im Ablauf entsprechend ihrer Priorität von oben nach unten angeordnet, um bei unauffälligen Befunden einen schnellen, geradlinigen Durchlauf und die dementsprechende Basistherapie zu ermöglichen. Bei auffälligen Befunden oder Problemen wird an den einzelnen Entscheidungsknoten von der linearen Grundstruktur nach rechts in die betreffenden diagnostischen und therapeutischen Schleifen abgewichen, die jedoch nach Abarbeitung meist wieder zu der Grundstruktur zurückkehren oder in einem Ausgangskriterium als Verbindungsstelle zu einem anderen Teilalgorithmus enden.

Algorithmen dienen als zentrale Schnittstellen für das Qualitätsmanagement. Die Analyse der drei miteinander verknüpften Einzelqualitäten Struktur, Prozeß und Ergebnis bildet die Grundlage qualitätsichernder Maßnahmen (6, 7, 8). Durch Algorithmen werden Richtlinien systematisch als Verfahrensregeln normiert, verknüpft und formatiert. Dadurch wird sowohl die Struktur mit apparativen und personellen Voraussetzungen vorgegeben, als auch der Prozeß des gesamten Behandlungsablaufs definiert. Während der Standard den angestrebten Soll-Wert repräsentiert, wird der Ist-Wert durch den Prozeß bestimmt. Die interne Compliance erfaßt durch den Vergleich von Sollwert und Istwert Abweichungen des Prozesses vom geforderten Standard, die externe Compliance bewertet an Hand von Referenzdatenbanken das erreichte Ergebnis im Vergleich zu anderen Systemen (Abbildung 4).


Abbildung 4: Algorithmen im Qualitätsmanagement Algorithmen unterliegen durch die Verfahren der Qualitätssicherung einer kontinuierlichen Überprüfung und Korrektur. Ergebnisse der Forschung und Fortschritte der Medizin führen zur Revision und Neudefiniton von Behandlungsrichtlinien und damit von Algorithmen. Da Algorithmen als formatierte Verfahrensregeln demzufolge Richtlinien repräsentieren und damit als Referenzsystem (10, 30) dienen können, werden nur diagnostische und therapeutische Interventionen der Klasse I und Klasse IIa entsprechend dem System der Klassifikation der American Heart Association (9) implementiert.

Klasse I: Indiziert, sicher wirksam.
Klasse IIa: Wahrscheinlich wirksam.
Klasse IIb: Eventuell wirksam.
Klasse III: Unwirksam oder schädlich.


Der Begriff »Algorithmus« wird in der Literatur nicht immer entsprechend der Vorgaben aus der Informatik und Mathematik verwendet und oft als Synonym für völlig unterschiedliche Begriffe gebraucht. Allgemein ist festzustellen, daß insbesondere in der angloamerikanischen Literatur jede Art von schematischer graphischer Darstellung mit dem Begriff »Algorithmus« verbunden wird.

Der Begriff wird auch in Deutschland sowohl auf Stufenschemata (9, 13), auf Entscheidungsbäume (11, 25), als auch auf Flußdiagramme (3, 14, 21, 24) und tatsächliche Algorithmen (2, 21) angewandt.

In medizinischen Algorithmen sind die Merkmale von Stufenschemata und von Entscheidungsbäumen kombiniert. Stufenschemata werden aufgrund von bereits vorhandenen Diagnosen angewendet und durchlaufen, Entscheidungsbäume und Algorithmen hingegen werden problemorientiert eröffnet und führen im weiteren Ablauf zur Diagnosestellung und Therapieentscheidungen (Tab. 2, Abb. 4).



Abbildung 4: Entscheidungsbaum / Algorithmus / Stufenschema


Tabelle 2: Merkmale von Stufenschemata, Entscheidungsbäumen und Algorithmen

Stufenschema
Entscheidungsbaum
Algorithmus
Problemorientiert
Nein
Ja
Ja
Prioritätenorientiert
Ja
Nein
Ja
Lineare Grundstruktur
Ja
Nein
Ja
Verzweigungen
Nein
Ja
Ja
Schleifen
Nein
Nein
Ja
Mehrere Endpunkte
Nein
Ja
Ja


Die Anordnung der Entscheidungsknoten mit den entspechenden Schleifen an der linearen Grundstruktur und damit die prioritätenorientierte systematische Diagnostik und Therapie bis zur endgültigen Diagnosestellung kennzeichnet ein wesentliches Merkmal von Algorithmen.

Aufgrund der von der Informatik übernommenen Strukturierung können medizinische Algorithmen in Computerprogramme implementiert werden und damit die Grundlage für medizinische Expertensysteme zur Entscheidungsfindung bilden (4).

In Trainingsprogrammen in der Notfallmedizin werden Algorithmen als formatierte, umfassende Diagnose- und Behandlungskonzepte bereits eingesetzt (16). Algorithmen dienen aufgrund ihrer Formatierung und Strukturierung als wertvolle Instrumente für die Patientenversorgung, für die Aus-, Weiter- und Fortbildung und für Maßnahmen des Qualitätsmanagements.


Literatur

  1. Bietz D. (1977) Algorithm for Critically Injured Patients. J Trauma 17:55-60.
  2. Bishop M., Shoemaker W.C., Avakian S., James E., Jackson G., Willams D., Meade P. (1991) Evaluation of a Comprehensive Algorithm for Blunt and Penetrating Thoracic and Abdominal Trauma. Am Surg 57:737-746.
  3. Boyd M., Vanek V.W., Bourguet C.C. (1992) Emergency Room Resuscitative Thoracotomy: When is it Indicated? J Trauma 33:714-721.
  4. Clark J.R., Cebula D.P., Webber B.l. (1988) Artificial Intellegence: A Computerized Decision Aid for Trauma. J Trauma 28:1250-1254.
  5. Deutsches Institut für Normung (1985) DIN Katalog für technische Regeln, DIN 66001. Beuth Verlag, Berlin.
  6. Donabedian A. (1966) Evaluating the Quality of Medical Care, Part 2. Milbank Q 11:166-280.
  7. Donabedian A. (1978) The Quality of Medical Care. Science 200:856-864.
  8. Donabedian A. (1988) The Quality of Care. JAMA 260:1743-1748.
  9. Emergency Cardiac Care Committee and Subcommittees, American Heart Association (1992) Guidelines for Cardiopulmonary Resuscitation and Emergency Care. JAMA 268:2171-2302.
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  20. Liu M., Shoemaker W.C., Kram H.B., Harrier D. (1988) Design and Prospective Evaluation of an Algorithm for Penetrating Truncal Injuries. Crit Care Med 16:1191-1198.
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  27. Seelos H.-J. (1989) Qualitätssicherungsprogramme in der Krankenhausmedizin: quo vadis. Dt. Ärzteblatt 86:B1932-1936.
  28. Shoemaker W.C. (1975) Algorithm for Resuscitation: A Systematic Plan for Immediate Care of the Injured or Postoperative Patient. Crit. Care. Med. 11:630-639.
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  30. Shoemaker W.C., Corley R.D., Liu M., Kram H.B., Harrier H.D., Williams S., Fleming A.W. (1988) Development and testing of a Decision Tree for Blunt Trauma. Crit Care Med 16:1199-1208.
  31. Vogel K. (1963) Alchwarizmi's Algorismus. Bayerische Akademie der Wissenschaften, München.
  32. Waldschmidt E.H., Walter H.-G. (1984) Grundzüge der Informatik. Bibliografisches Institut, München.


    Dr. med. Karl-Georg Kanz
    Chirurgische Klinik und Poliklinik, Klinikum Innenstadt
    Ludwig-Maximilians-Universität München
    Nußbaumstraße 20
    80336 München
© 2010 Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen e.V.
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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