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Therapie der Höhenkrankheit

Aktuelle Therapie der akuten Höhenkrankheit

Franz Berghold

1. Sofortmaßnahmen
1.1 Ruhe / Abstieg / Abtransport
1.2 Notfalltherapie
1.3 Andere Medikamente
1.4 Übersicht
2. Präklinische Optionen
3. Literatur

Jährlich, so schätzt man, suchen weltweit etwa 37 Millionen Reisende große und extreme Höhen auf. Rund 420 Millionen Menschen leben ständig in Gebirgsregionen, 40 Millionen davon in Regionen oberhalb 2500 m und 25 Millionen in Höhen über 3500 Metern Seehöhe. Neben der bitteren Kälte, der extremen Witterung und der Strahlung in großen und extremen Höhe ist es vor allem der Sauerstoffmangel, der das Leben des Menschen bedroht, wenn er dort hinaufsteigt. Nahezu jedes Scheitern, jeder Tod dort oben ist in irgendeiner Form darauf zurückzuführen. Akute hypobare Hypoxie kann jedenfalls zu verschiedenen Formen der Höhenkrankheit führen: Milde akute Höhe (Acute Mountain Sickness, AMS), Höhenhirnödem (High Altitude Cerebral Edema, HACE) und Höhenlungenödem (High Altitude Pulmonary Edema). Die notfallmedizinischen Konzepte aller Formen der akuten Höhenkrankheit haben in den letzten Jahren grundlegende Änderungen erfahren.

1. Sofortmaßnahmen

Die Sofortmaßnahmen bei AMS, HACE und HAPE bestehen aus sofortiger körperlicher Ruhe, Abstieg/Abtransport sowie aus den Notfalltherapien Sauerstoff, überdrucksack, Atemventil und einigen höhenspezifischen Medikamenten.

1.1. Ruhe/Abstieg/Abtransport

  1. Bei milder AMS kein weiterer Aufstieg, sondern einen Ruhetag einlegen. Völlige körperliche Inaktivität und bewußte Hyperventilation. Verschlimmern sich die Symptome bis zum nächsten Morgen, muß sofort unter Begleitung abgestiegen werden. Kein Alkohol, keine Schlafmittel.
  2. Bei schwerer AMS ohne Ataxie sofortiger Abstieg. Ist ein Abstieg mit Anstrengungen für den Betroffenen verbunden, muß der Patient wenn irgend möglich abtransportiert werden, da körperliche Aktivität das Krankheitsbild verstärken kann.
  3. Bei HACE und HAPE sofortiger Abtransport und Kälteschutz (HAPE). Körperliche Anstrengung erhöht das Herzminutenvolumen und den pulmonalarteriellen Druck, wodurch das HAPE-Risiko beträchtlich zunimmt. Dasselbe gilt für Kältestreß.
Wie weit muss abgestiegen/abtransportiert werden? Möglichst bis zu jener Höhe, auf welcher der Patient zuvor eine Nacht symptomfrei verbracht hat. Ist das unklar, zumindest bis zu jener Höhe, auf der zwei Nächte davor geschlafen wurde.

Wann darf wieder aufgestiegen werden? Wenn die Symptome einer Höhenkrankheit nach Abstieg bzw. Abtransport völlig verschwinden, ist ein langsamer Wiederaufstieg meist schon nach kurzer Erholung wieder möglich. Symptomfreiheit bedeutet ja, daß man auf diese Höhe akklimatisiert ist. Die Ataxie kann allerdings Tage, ja sogar Wochen andauern.

Der sofortige und rasche Abtransport in tiefere Höhenlagen ist bei ersten Anzeichen einer schweren Höhenkrankheit (HAPE, HACE) die kausale Therapie der schweren Höhenkrankheit schlechthin und allen anderen Therapiemaßnahmen weit überlegen.

Rasches Handeln und größtmögliche Geschwindigkeit beim Abtransport ist oberstes Gebot. Daher darf ein Abtransport nur bei extremer Gefährdung aufgeschoben werden: Ein abends ataktischer Patient kann am nächsten Morgen bereits komatös und rettungslos verloren sein. Nicht auf Rettung von außen warten: Bereits etliche an HACE oder HAPE erkrankte Personen sind beim Warten auf den angeforderten Helikopter verstorben. Bei rechtzeitig erkanntem HAPE führt ein sofortiger Abtransport, wenn noch keine Komplikationen aufgetreten sind, innerhalb weniger Stunden zur Besserung der Symptome, zur Rückbildung der Gasaustauschstörung und innerhalb von wenigen Tagen zum Verschwinden der radiologischen Veränderungen.

Bei HAPE in mittleren Höhe erweisen sich Bettruhe und Sauerstoffbeatmung auch ohne sofortigen Abtransport notfalls als ausreichend. Bewusste Hyperventilation ist bei milder AMS erfahrungsgemäß eine zusätzliche Hilfe und erleichtert möglicherweise die Akklimatisation. Im Gegensatz zur Hyperventilation unter normoxischen Bedingungen treten bei bewußt forcierter Atmung in der Höhe weder Schwindelzustände noch Tetanien auf.

1.2. Notfalltherapie

Die im folgenden dargestellten therapeutischen Möglichkeiten stellen keine Alternativen zu den Sofortmaßnahmen (Ruhe/Abstieg/Abtransport) dar, sondern dienen zur allerdings oft lebensrettenden Überbrückung in einer Situation, in der ein Wechsel in tiefere Lagen wegen gelände- oder witterungsbedingter Widrigkeiten vorerst nicht rasch genug erfolgen kann.

Die oft dramatische Besserung des Zustandes nach Anwendung der Notfalltherapie (z.B. Überdrucksack, Nifedipin bei HAPE oder Dexamethason bei HACE) bedeutet aber nicht, daß damit ein Heilungsprozeß beginnt, sondern muß vielmehr raschestmöglich zum Abstieg bzw. Abtransport genutzt werden.

Selbstmedikation
Eine höhenmedizinische Notfalltherapie ist unserer Überzeugung nach auch ohne anwesenden Arzt, also durch einen höhenerfahrenen Laien durchführbar, wenn dieser in der Erkennung der verschiedenen Formen der akuten Höhenkrankheit und in der Anwendung der Maßnahmen und Medikamente ausreichend geschult ist. Die Risiken von Fehldiagnosen, Dosierungsfehlern und Medikamentenverwechslungen durch ungeschulte Helfer sind nämlich nicht zu unterschätzen, wie die Erfahrung zeigt. Eine ärztliche Betreuung muß daher immer und so rasch wie möglich organisiert werden.

Sauerstoff (schwere AMS, HAPE, HACE)
Vom raschen Wechsel in tiefere Lagen abgesehen ist Flaschensauerstoff nach wie vor das wichtigste Medikament zur Verbesserung der Gewebsoxygenierung, vor allem zur zerebralen Drucksenkung bei allen Formen der schweren Höhenkrankheit. Dosierung des Sauerstoffatmung mit Maske: Bei milder AMS nächtliche Schlafatmung mit niedriger Flußrate (0,5 bis 1 Liter pro Minute). Bei schwererer AMS, HAPE und HACE: Anfangs höchstmögliche Flußrate (6 bis 10 Liter pro Minute), bis sich die Zyanose bessert bzw. eine SaO2 von mehr als 90% meßbar ist. Dann mit einer Flußrate von etwa 2 bis 4 Litern pro Minute, konstant oder aber notfalls intervallartig jeweils 4 bis 6 Stunden, weiteratmen.

Vor allem bei Gruppentouren (Trekking) muß stets ausreichend Flaschensauerstoff für mindestens 12 Stunden Sauerstoffbeatmung mitgeführt werden. Jede Flasche soll mit 1.000 Liter gefüllt sein und muß neben einem Manometer auch ein Flußraten-Meßgerät aufweisen (Gewicht pro Flasche: ca. 5–7 kg). Man sollte jede einzelne Einheit vorher unter extremen Kältebedingungen testen.

Festsauerstoffgeräte sowie sog. Sauerstoffpatronen haben zu wenig Inhalt und sind wegen der unkontrollierbaren Flußraten nicht geeignet. Sauerstoffdepots für den Notfall sollten eigentlich in jedem Hochlager bereit liegen. Ohne diese Vorsorge, so zeigt die Erfahrung, befindet sich der rettende Sauerstoff oft nicht dort, wo man ihn gerade benötigt.

Man kann (gefüllte) Sauerstofflaschen von zu Hause mitnehmen oder im Zielland ausleihen. Im ersteren Fall kann man wohl mit der technisch einwandfreien, also verläßlichen Funktionstüchtigkeit rechnen. Aber ein Flugtransport ist teuer und problematisch, da der Transport von Flaschensauerstoff auf Passagiermaschinen, von einem speziellen Sauerstoffset für Tauchunfälle (sog. Wenoll-System) abgesehen, weltweit verboten ist. Andererseits weisen vor Ort geliehene Sauerstofflaschen häufig Mängel auf, weshalb es bei der Übernahme nötig ist, den Füllungszustand sowie den einwandfreien Zustand der Ventile, der Maske und vor allem der beiden Meßinstrumente sicherzustellen.

Wegen der damit verbundenen Risiken sollte Flaschensauerstoff ausschließlich für den Notfall und nie als Prävention, Steig- oder Schlafhilfe verwendet werden.

Komatöse Patienten (HAPE, HACE) erfordern, falls möglich, eine Intubationsbeatmung sowie eine Blasenkatheterisierung. Der Versuch, durch Intubation und Hyperventilation den intrakraniellen Druck zu senken, ist durchaus sinnvoll, auch wenn berücksichtigt werden muß, daß diese Patienten bereits alkalotisch sind und eine Überbeatmung zu zerebraler Ischämie führen kann.

Überdrucksack (Hyperbare Kammer)
Feste hyperbare Kammern werden seit längeren von Militärs in den Hochgebirgen Indiens, Nepals, Tibets und Chinas zur Therapie der akuten Höhenkrankheit eingesetzt. Seit 1988 gibt es transportable Überdrucksäcke, eine Erfindung von Dr. Igor Gamow (University of Colorado). Das Gerät besteht aus einem widerstandsfähigen, zylinderförmigen Polyamid-Tragsack mit etwas über 2 Meter Länge und etwa 65 cm Durchmesser.

Das Funktionsprinzip ist einfach: Der Erkrankte wird in den Sack gelegt, dieser wird luftdicht verschlossen und daraufhin der Kammerinnendruck mittels Pumpe bis auf eine simulierte Höhe von bis zu 1600–2000 m (Maximaldruck 200 mb) gesteigert. Der Patient verbleibt nun meist ein bis zwei Stunden im Sack. Eine längere Verweildauer zeigt keine Wirkungssteigerung.

Wegen der mit zunehmender Höhe exponentiellen Druckabnahme ist der durch den Überdruck simulierte »Abstieg« umso größer, je höher man sich mit dem Überdrucksack befindet:

Tatsächliche Höhe in m
Simulierte Höhe in m
4000
1650
5000
2450
6000
3100
7000
3850
8000
4500

In einigen Studien und in zahlreichen Fallberichten wurde festgestellt, daß eine kurzfristige Überdruckbehandlung einen raschen Rückgang der Symptome von AMS, vor allem aber von HAPE und HACE bewirkt. Der positive Effekt ist allerdings zeitlich begrenzt und ersetzt keineswegs einen raschen Abtransport in tiefere Höhenlagen. Die submaximale Leistungsfähigkeit wird übrigens nicht beeinflußt. Auch sind mittlerweile einige ungeklärte Todesfälle unter Behandlung im Überdrucksack bekannt geworden.

Einige wesentliche Fragen sind noch offen, etwa bezüglich eines möglichen Rebound-Effektes nach dem Aufheben des Überdrucks. Das Hauptproblem liegt aber in der richtigen Handhabung, welche Einschulung, Übung und Erfahrung erfordert. Gefährlich wäre es, den Überdrucksack als vermeintliche Akklimatisationshilfe zu mißbrauchen.

Als überbrückendes Notfallgerät bei HAPE und HACE dürfte sein stationärer Einsatz auf besonders neuralgischen Punkten, etwa auf hochgelegenen Berghütten, Seilbahnstationen, in höhenmedizinischen Ambulanzen oder vielleicht auch im Basislager einer Großexpedition vorteilhaft sein. Ob es dagegen wirklich sinnvoll ist, einen Überdrucksack routinemäßig auch auf Trekkingtouren oder auf üblichen Expeditionen mitzuführen, ist derzeit noch umstritten. Im Zweifelsfall entscheide man sich jedenfalls eher für die Mitnahme von Flaschensauerstoff.

Ein taktisch vielleicht sinnvolles Vorgehen besteht darin, einen an HAPE oder HACE Erkrankten zusätzlich intermittierend mit NIFEDIPIN bzw. DEXAMETHASON zu behandeln: Eine ein- bis zweistündige Überdruckbehandlung kann den Zustand des Patienten soweit bessern, daß er unmittelbar darauf unter Sauerstoffatmung von 1 bis 2 l/min abtransportiert werden bzw. (aber nur bei völliger Undurchführbarkeit eines passiven Abtransportes) unter Assistenz in tiefere Lagen absteigen kann. Nach einer ein- bis zweistündigen Pause oder wenn sich der Zustand des Patienten neuerlich verschlechtert, was üblicherweise zu erwarten ist, wird neuerlich die Überdrucktherapie angewendet.

Da eine Überdruckbehandlung nur eine kurzfristige Besserung des Beschwerdebildes bewirkt, muß die Zeit unmittelbar danach zum sofortigen Abtransport in tiefere Regionen genützt werden. Weitere Aufstiege sollen, soweit vermeidbar, unterbleiben.

Vor- und Nachteile des Überdrucksackes

Bisher dokumentierte Vorteile:
  • Notfallbehandlung vor Ort durch simulierten Abstieg, wenn dieser vorerst undurchführbar ist.
  • Zumindest vorübergehende Besserung für ein bis sechs Stunden (Kurzzeiteffekt).
  • Dadurch Verbesserung des Patientenzustandes zur Durchführung eines lebensrettenden Abtransportes.
  • Wiederholte und prinzipiell unbegrenzte Anwendungsmöglichkeit.
Bisher dokumentierte Nachteile:
  • Nur durch versierte Helfer anwendbar
  • Kein Langzeiteffekt
  • Als ausschließliche Therapie ungeeignet
  • Als Akklimatisationshilfe ungeeignet
  • Ersetzt nicht den Abtransport
  • Mögliche Therapieversager (auch mit tödlichem Ausgang)
  • Rebound-Effekt wahrscheinlich
  • Der C02-Abfluß ist unbefriedigend
  • Steht in Hochlagern meist nicht zur Verfügung
  • Die kontinuierliche Bedienung der Luftpumpe ist vor allem in extremen Höhen äußerst anstrengend
  • Vermittelt ein falsches Sicherheitsgefühl
Derzeit kann jedenfalls festgestellt werden: Der Überdrucksack, der mittlerweise Standardausrüstung bei vielen Trekkingtouren und auf Expeditionen geworden ist, kann im Einzelfall Leben retten. Die Vorstellung aber, daß das Bergsteigen in extremen Höhen dadurch sicherer geworden sei, ist Illusion. Denn es scheint vielmehr, wie einige Vorfälle zeigen, daß ambitionierte Gipfelaspiranten darin ein gefährliches Alibi für vernuftwidriges Verhalten und für die Mißachtung der Höhentaktik sehen (sog. Risikokompensation).

EPAP-Maske Und PEEP-Ventil, VPPB und PLB Ein positiv-endexpiratorischer Druck mittels Atemventil verbessert kurzfristig die Sauerstoffversorgung von HAPE-Patienten, möglicherweise durch Eröffnung atelektatischer Areale sowie durch Verbesserung des Gasaustausches. Bereits eine zehnminütige Atmung gegen einen positivexpiratorischen Druck von 5–10 cm H20 ergab eine Verbesserung der SaO2 um 10–20 %. Nachteile: Eine längere Anwendung ist anstrengend, und höhere Druckwiderstände sind riskant (Barotrauma, Verminderung des venösen Rückflusses und der Herzleistung, Retinablutungen). Bei einem Fall einer längeren Anwendung wurde die Entwicklung eines HACE beobachtet.

Die kurzfristige, intermittierende Benützung dieser Überbrückungsmaßnahme bis zum Erreichen eines Überdrucksackes, bis zum Eintreffen von Sauerstoff oder bis ein Abstieg/Abtransport möglich ist, kann aber durchaus eine Verbesserung der Sauerstoffsättigung bei HAPE bewirken. Der Patient atmet dabei normal ein, während die Ausatmung durch ein Ventil gebremst wird. Die daraus resultierende leichte Druckerhöhung soll zu einem Anstieg des Lungenvolumens zwischen den Atemphasen führen. Es existieren bereits etliche positive Erfahrungsberichte. Maske und Ventil sind einfach zu handhaben, kosten derzeit ca. US $ 48,– und sind über dieselbe Adresse wie der Gamow Bag zu beziehen.

Eine expiratorische Druckerhöhung kann mit etwas Übung und bei noch vorhandener Handlungsfähigkeit des Patienten auch ohne Atemventil durchgeführt werden. Dazu existieren drei bewährte Methoden:
  • Gegen den Widerstand der zugehaltenen Nase und der nahezu geschlossenen Lippen langsam ausatmen.
  • Voluntary positive pressure breathing (VPPB): 3 Sekunden einatmen, 3 Sekunden Luftanhalten, 4 Sekunden ausatmen; danach 2 Minuten Normalatmung.
  • Pursed-lip breathing (PLB): 3 Sekunden einatmen, 7 Sekunden ausatmen. Unter Laborbedingungen erbrachten VPPB und PLB eine Erhöhung der SaO2 von 79% auf 87%.
Acetazolamid (»Diamox«) (AMS) Bei milder und schwerer AMS kann Acetazolamid in einer Dosierung von 2 x 250 mg (oder 1 x 500 mg retard) durch Alkaloseausgleich die hypoxiebedingten Beschwerden mildern, die Ventilation steigern, nächtliche Apnoephasen reduzieren, den Gasaustausch verbessern und vermutlich die Gehirndurchblutung fördern. Bei HAPE ist Acetazolamid weitgehend wirkungslos. Die nicht seltenen Nebenwirkungen unter der angegebenen Dosierung sind recht unangenehm: Flüssigkeitsausschwemmung, Parästhesien an Fingern und Zehen, Magenschmerzen, Müdigkeit, Bier bekommt einen ungewohnten Geschmack. Vorsicht bei Sulfonamidallergie.

Während einer Therapie mit Acetazolamid darf unter keinen Umständen weiter aufgestiegen werden. Tritt Beschwerdefreiheit ein, wird Acetazolamid ohne Rebound-Risiko abgesetzt, und der Aufstieg kann fortgesetzt werden.

Ibuprofen (Höhenkopfschmerz) Burtscher und Mitarbeiter haben herausgefunden, daß Ibuprofen zur Behandlung des sehr häufigen Höhenkopfschmerzes als wirkungsvolles und nebenwirkungsarmes Medikament bevorzugt werden kann. Es wirkt rein symptomatisch. Ibuprofen darf nicht zur Vorbeugung verwendet werden, da gerade der Höhenkopfschmerz als meist initiales Leitsymptom der Höhenkrankheit eine wichtige Warn- bzw. »Brems«funktion innehat.

Ibuprofen 600 mg erweist sich in der Praxis des Trekking-und Expeditionsbergsteigens als das am häufigsten verwendete höhenspezifische Medikament, weist kaum Nebenwirkungen auf und sollte daher in ausreichender Menge vorhanden sein.

Sumatriptan (Höhenkopfschmerz) Untersuchungen von Bartsch und Mitarbeitern haben ergeben, daß das Migränemittel Sumatriptan (Immigran) über einen vasokonstriktorischen und/oder entzündungshemmenden Effekt eine zumindest vorübergehende Linderung des Höhenkopfschmerzes bewirkt. Allerdings muß als mögliche Nebenwirkung die Exazerbation einer (bislang stummen) koronaren Herzkrankheit bedacht werden.

Nifedipin (HAPE) Der Kalzium-Antagonist Nifedipin gilt heute als Notfalltherapeutikum der Wahl beim akuten Höhenlungenödem. Nifedipin führt zu einer raschen Senkung des pulmonalarteriellen Drucks, zu einer Verbesserung des alveolararteriellen Sauerstoffgradienten und ermöglicht so über eine Stabilisierung der Sauerstoffsättigung eine verbesserte Oxygenisierung (Anstieg der pulsoxymetrisch bestimmbaren SaO2).

Die Alveolarödeme bilden sich nun rasch zurück. Daß diese Substanz schon häufig mit beeindruckendem Erfolg bei HAPE eingesetzt werden konnte, wurde vielfach dokumentiert. Bei AMS und HACE ist Nifedipin unwirksam.

Die Startdosis hängt von der Dringlichkeit bzw. dem Schweregrad des HAPE-Zustandsbildes ab: Wegen des nicht ganz auszuschließenden Risikos schwerer hypotoner Zwischenfälle kommt Nifedipin in der rasch resorbierbaren Kapselform üblicherweise nicht in Frage. Vielmehr gelten folgende Anwendungsrichtlinien: Nifedipin retard 20 mg sofort und dann bei Bedarf alle 6 Stunden. Nur bei schwerstem HAPE bzw. bei bewußtlosen HAPE-Patienten kann die Kapselform angewendet werden: Man öffnet die Kapsel und appliziert die Flüssigkeit sublingual oder auf die Mundschleimhaut.

Dexamethason (schwere AMS und HACE) Bei schwerer AMS und beginnendem HACE gilt Dexamethason seit Jahren als das Mittel der Wahl. Es gilt als das derzeit einzige erwiesenermaßen wirksame Mediakent bei der Behandlung von AMS und HACE. Es stabilisiert vermutlich die Blut-Hirn-Schranke und verbessert damit die einschlägigen Symptome eindrucksvoll. Bei HAPE ist Dexamethason allerdings völlig unwirksam.

Dosierung: Initial 8 mg, dann alle 6 Stunden 4 mg in Tablettenform, bei bewußtlosen Patienten intramuskulär oder intravenös. Das übliche Nebenwirkungsrisiko von Kortikosteroiden ist in Anbetracht der vitalen Bedrohung vernachlässigbar.

Als sinnvolle Notfalltherapie bei HACE, wenn ein sofortiger Abtransport vorerst unmöglich ist, hat sich die Kombination von Dexamethason und Überdruckbehandlung erwiesen: Die Überdrucktherapie bringt anfangs zwar bessere Resultate als die alleinige Dexamethasontherapie, aber wie erwähnt keinen Langzeiteffekt, während Dexamethason anfangs zwar weniger wirksam ist als der Überdrucksack, nach einigen Stunden jedoch deutlich bessere Ergebnisse zu sehen sind.

1.3. Andere Medikamente:

Vasodilatantien, insbesonders kurzwirksame Alphablocker, sollen bei HAPE positiv wirken. Weitere Untersuchungen sind abzuwarten.

Antibiotika haben keinen Einfluß auf AMS, HAPE oder HACE. Da aber HAPE nicht selten mit Fieber und Leukozytose einhergeht, dürfte eine zusätzliche Therapie mit einem Breitspektrumantibiotikum sinnvoll sein.

Forcierte Flüssigkeitszufuhr führt zwar zu keiner Besserung der Höhenkrankheit, vermindert aber das Risiko thrombembolischer Komplikationen.

Paracetamol bzw. Acetylsalicylsäure sind in ihrer Wirkung auf den Höhenkopfschmerz umstritten.

Digoxin: Dafür besteht bei AMS/HAPE/HACE keine Indikation.

Morphin wurde vereinzelt bei HAPE erfolgreich eingesetzt, kann aber wegen seiner atemdepressorischen Wirkung nicht empfohlen werden.

Furosemid wurde von indischen Ärzten angeblich erfolgreich bei HAPE eingesetzt. Zahlreiche Autoren warnen jedoch davor, da Furosemid das kausale pathophysiologische Prinzip, nämlich die hypoxische pulmonale Hypertension nicht beeinflußt, eine eventuell bestehende systemische Hypovolämie verstärkt, die Bildung von Lungenembolien fördert und möglicherweise auch die Entwicklung eines HACE eher begünstigen kann. Unter kontrollierten Bedingungen wurde bislang kein günstiger Effekt der Furosemid-Behandlung auf die Oxygenierung von HAPE-Patienten gefunden.

Sedativa und Hypnotika fördern in der Akklimatisationsphase das Entstehen von AMS und Höhenödemen. Benzodiazepinderivate (z.B. Mogadon®) können aber nach erfolgter Akklimatisation als Schlafmittel verwendet werden.
 

1.4. Übersicht:

Massnahmen bei AMS/HACE und HAPE

Milde AMS
  1. Rasttag, eventuell vorübergehender Abstieg
  2. Acetazolamid 2 x 250 mg
  3. Ibuprofen, Sumatriptan
Schwere AMS / HACE
  1. Abtransport
  2. Sauerstoff (anfangs hohe, später mäßige Flußrate)
  3. Dexamethason initial 8 mg, dann alle 6 Stunden 4 mg
  4. Acetazolamid 2 x 250 mg
  5. Überdrucksack
HAPE
  1. Abstransport
  2. Sauerstoff (anfangs hohe, später mäßige Flußrate)
  3. Nifedipin retard 20 mg alle 6 Stunden
  4. Überdrucksack
  5. PEEP-Ventil, VPPB, PLB
  6. Kälteschutz

2. Praktische Optionen

Die folgenden Hinweise sind ein in der höhenmedizinischen Praxis bewährter Leitfaden für das Abwägen der Für und Wider einzelner Standardmaßnahmen:

  Pro Contra
Rast auf gleicher Höhe Akklimatisation auf dieser Höhe. Der Anschluß an die Gruppe und damit das ursprüngliche Tourenziel sind kaum gefährdet. Symptomfreiheit erst nach 24 bis 48 Stunden.
Rast plus Acetazolamid Ähnlich wie eine Rast ohne Medikamente. Zusätzlich zum Rasteffekt erfolgt aber eine Beschleunigung der Akklimatisation. Symptomfreiheit erst nach 12 bis 24 Stunden.
Rast plus Dexamethason Ähnlich wie eine Rast ohne Medikamente, aber der Effekt tritt bei nicht schwerer AMS ähnlich schnell ein wie bei einem Abstieg, und zwar in der Regel zwischen 2 und 6 Stunden. Möglicherweise, wenn auch selten, Auftreten von Steroid-Nebenwirkungen einschließlich Rebound-Effekt. Bei schwerer AMS und HACE ist, wenn nur irgenwie möglich, ein rascher Abtransport vorrangig.
Rast plus Acetazolamid & Dexamethason Ähnlich wie eine Rast ohne Medikamente. Zusätzlich erfolgt eine Beschleunigung der Akklimatisation sowie eine raschere Symptomfreiheit. Dieser Kombination wird daher häufig der Vorzug gegeben. Siehe oben.
Abstieg Rascher Effekt. Symptome bessern sich oft schon während des Abstieges und verschwinden meist völlig innerhalb weniger Stunden. Der Anschluß an die Gruppe und damit die Erreichbarkeit des Tourenzieles gehen meist verloren. Begleitperson(en) sind erforderlich. Ein Abstieg bei Schlechtwetter oder Nacht kann gefährlich werden. Schwere AMS, HAPE oder HACE verbieten einen Abstieg auf eigenen Beinen.
Sauerstoff und/oder Überdrucksack Wenn ein Abstieg/Abstransport vorübergehend unmöglich ist oder zur Vorbereitung auf einen unmittelbar bevorstehenden Abstieg/Abstransport. Siehe entsprechenden Abschnitt.

Der Umgang mit bewußtlosen Patienten

Wenn man einen Patienten bewußtlos auffindet, z.B. morgens im Zelt, stößt man verständlicherweise auf nicht unbeträchtliche diagnostische Schwierigkeiten, weil eine Fremdanamnese, wenn überhaupt vorhanden, meist unergiebig ist. Man erinnere sich daran, daß HACE und HAPE (wahrscheinlich wegen der massiv erniedrigten SaO2) sehr häufig gemeinsam auftreten. In einem solchen Fall geht man in folgender Reihenfolge vor:
  1. Feststellung des respiratorischen Status
  2. Messung der arteriellen Sauerstoffsättigung
  3. Feststellung des grob-neurologischen Status
  4. Dexamethason 8 mg intramuskulär oder intravenös
  5. Inhalt einer Nifedipin-Kapsel sublingual
  6. Maskenbeatmung mit Sauerstoff (hohe Flußrate)
  7. Einstündige Überdruckbehandlung in stabiler Seitenlage
Daraufhi ist der Patient meist so weit ansprechbar, daß eine ausreichende Anamnese und eine neuerliche klinische Untersuchung ein klareres Bild ermöglichen. Danach richtet sich schließlich die weitere Vorgangsweise. Höhenkrankheit tritt nie schicksalshaft auf, sondern ist fast immer die Folge gravierender höhentaktischer Fehlentscheidungen. Zahlreiche Analysen schwerer und tödlicher Höhenanpassungsstörungen zeigen mit erschütternder Regelmäßigkeit, daß zuvor gegen eine, meist sogar gegen mehrere Regeln der Höhentaktik verstoßen wurde und daß außerdem die daraus resultierenden Frühzeichen bagatellisiert, verschwiegen, mißachtet und ohne rechtzeitige Konsequenzen geblieben sind.
 

3. Literatur

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© 2010 Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen e.V.
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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