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Erstbehandlung und Klinische Therapie der Erfrierung (G. Flora)
Kälteschäden sind sicher so alt wie die Menschen, die
sich in der winterlichen Natur aufhalten. Während sie in Friedenszeiten
nur vereinzelt auftreten, können bei kriegerischen Auseinandersetzungen
tausende Menschen den winterlichen Umweltbedingungen ausgesetzt
werden, wie z.B. beim Rückzug Napoleons aus Rußland 1812.
Entscheidend für das Auftreten eines Kälteschadens sind
einerseits der Wärmeverlust des Körpers im gesamten, der
zu einem Absinken der Körperkerntemperatur und damit zu einer
allgemeinen Unterkühlung führt, und andererseits der isolierte
Wärmeverlust an einer exponierten Körperoberfläche,
wobei es dann zu lokalen Kälteschäden kommen kann.
Eine Reihe von Faktoren bestimmen den Schweregrad eines Kälteschadens.
Nicht nur die Außentemperatur, auch Wind und Feuchtigkeit
spielen gerade bei einer Kälteexposition im Hochgebirge eine
ganz wesentliche Rolle. Stehen wir bei sehr kaltem oder windstillem
Wetter im Freien, bildet sich um unseren Körper herum eine
schützende Warmlufthülle, die wie eine Thermosflasche
wirkt. Kommt jedoch Sturm auf, wird die Warmluft weggeblasen und
der Wärmeverlust exponierter Hautstellen steigt erheblich.
Eriksson hat versucht, dies in einem Wind-Kälte-Index auszudrücken.
Bei -20 °C wagen sich vielleicht noch einige Schifahrer hinaus.
Bei einem zusätzlichen Wind von 20 m/sek. ergibt sich eine
Temperatur von -52 °C. Daraus resultieren Umweltbedingungen,
die sicher niemanden mehr zum Schifahren locken würden, in
welchen aber Bergrettungsmänner noch im Einsatz stehen.
Nicht zu unterschätzen sind die individuellen Faktoren, wie
alte Frostschäden, Akklimatisation, Training und Erfahrung.
Ein gut ausgerüsteter Winterbergsteiger oder trainierter hochalpiner
Tourenschiläufer wird sich mit seinem gesunden und wohlernährten
Körper der Kälte anpassen und ihr widerstehen können.
Ist der körperliche Allgemeinzustand aber durch Ermüdung,
Erschöpfung oder gar Verletzung beeinträchtigt, kann es
wesentlich leichter zu einem generalisierten Kälteschaden,
zu einer allgemeinen Unterkühlung oder einem lokalen Kälteschaden,
einer örtlichen Erfrierung kommen.
Die allgemeine Unterkühlung kann in zwei Formen auftreten.
Bei der akuten akzidentellen Hypothermie, der sehr raschen Unterkühlung,
z. B. eines Schiffbrüchigen im Eismeer oder bei einem Sturz
in einen Gletscherbach, beträgt die Überlebenszeit bei
einer Wassertemperatur von +5 °C höchstens 1-2 Stunden
(Souchon), der Tod kann aber auch innerhalb von Minuten durch Herzkammerflimmern
eintreten.
Bei der subakuten akzidentellen Hypothermie, wie z.B. bei einem
Lawinenunfall, sinkt die Körperkerntemperatur langsam innerhalb
von Stunden ab, der Verschüttete schläft ein. Wir finden
ihn bewußtlos mit einer Vita minima und orientieren unser
therapeutisches Vorgehen nach der Körperkerntemperatur.
Eine örtliche Erfrierung ist nach Zelger ein umschriebener
Kälteschaden des Gewebes, der durch ein einmaliges, intensives
Kältetrauma zustande kommt. Der betroffene Körperabschnitt
ist kalt, weiß und gefühllos, und die Gelenke können
kaum bewegt werden. In diesem Stadium ist es auch für den Fachmann
unmöglich, prognostische Beurteilungen abzugeben, denn es ist
oft erst nach Tagen möglich, eine örtliche Erfrierung
einer klinischen Grad-Einteilung zuzuordnen.
Grad I einer örtlichen Erfrierung ist gekennzeichnet durch
Abkühlung und Blässe, sowie stechende Schmerzen in der
betreffenden Hautregion. Die im Anfangsstadium völlig weiße
und gefühllose Haut verfärbt sich in den folgenden Tagen
bräunlich und kann sich später auch von der Unterlage
abheben.
Grad II eines lokalen Kälteschadens wird erst nach Wiedererwämung
klinisch relevant und ist durch Rötung, Schwellung und Blasenbildung,
in erster Linie an Füßen und Händen, z.B. nach Verlust
der Handschuhe, gekennzeichnet.
Der Grad III einer örtlichen Erfrierung ist durch eine Nekrose
mit schwarzer, eingetrockneter Haut und hartem Unterhautzellgewebe
charakterisiert, dessen Ausmaß erst nach Tagen und Wochen
festgestellt werden kann und betrifft vorwiegend jene Körperstellen,
die neben dem Kälteeinfluß auch noch eine Druckeinwirkung,
z.B. durch zu enges Schuhwerk, aushalten mußten. An der Grenze
zwischen dem lebenden und abgestorbenen Gewebe bildet sich nach
Wochen und Monaten ein meist von Eiter und Sekret erfüllter
Spalt, die Demarkationsfurche, aus.
Bei der Behandlung der örtlichen Erfrierung ist grundsätzlich
festzuhalten, daß der Versuch, Gliedmaßen aufzutauen,
keinen Sinn hat, solange sich der Körper noch im Zustand der
Unterkühlung mit hochgradiger Zentralisation des Kreislaufes
befindet. Erst nach allgemeiner Wiedererwärmung erfolgt die
Öffnung der in die Peripherie führenden arteriellen Strombahn.
Das Auftauen einer erfrorenen Extremität, das Wiedererwärmen,
sollte natürlich so früh wie möglich erfolgen, jedoch
nur dann, wenn ein neuerlicher Kälteeinfluß ausgeschlossen
werden kann. Ein Höhenbergsteiger sollte daher besser mit seinen
erfrorenen Füßen ins Basislager absteigen, als in einem
Hochlager mit dem Auftauen zu beginnen. Mit den Blasen an den Füßen
wäre er nicht mehr imstande, seine Bergschuhe wieder anzuziehen
und müßte hilflos auf einen Abtransport warten. Jede
Erfrierung, die über den Grad I hinausgeht, sollte einer klinischen
Behandlung zugeührt werden.
Über Behandlungsversuche der Kälteschäden in früheren
Zeiten weiß man nur wenig. Eines ist jedoch sicher: unsere
Vorfahren waren Kälteeinflüssen gegenüber wesentlich
widerstandsfähiger als die heutigen Zivilisationsmenschen.
Sie haben sich vor allem weniger gewaschen und ihre exponierten
Stellen mit Tierfett eingeschmiert. Allen vorbeugenden Maßnahmen
zur Vermeidung von Kälteschäden, z.B. durch feste Kleidung,
Ohrenschutz, Gesichtsschutzmasken, Doppel-oder Dreifachschuh bei
Expeditionsbergsteigern u.a.m., müssen wir größte
Beachtung schenken.
Wie vieles in der Medizin, hat sich auch die Behandlung des örtlichen
Kälteschadens im Wandel der Zeit geändert. Die erste therapeutische
Empfehlung, die auch heute noch Gültigkeit hat, nämlich
die konsequente Hochlagerung einer kältegeschädigten Extremität,
gab Selenkoff, der im russisch-türkischen Krieg 1877 den Wert
dieser Behandlungsmethode erkannte und beschrieb. Alle Schriften
der vor-antiseptischen Zeit erwähnen bei der Erfrierungsbehandlung
ausdrücklich die Seltenheit der Mumifikation und die große
Gefahr der septischen Gangränbildung. Ihre Verhinderung wurde
deshalb schon als besonderer Erfolg der Therapie gebucht.
Vor der Jahrhundertwende sprach man noch von einem »erschreckten
Glied«, wenn man einen örtlichen Kälteschaden an
einer Extremität meinte und empfahl »fortgesetztes Reiben
mit Schnee oder naßkalten Tüchern«, wie dies aus
der Schrift des Samariter-Dienstes von Oskar Bernhard 1896 aus Samedan
hervorgeht.
Obwohl im 1. Weltkrieg in den Stellungskriegen der Ostalpenfront
zahlreiche Erfrierungsfälle anfielen, wurde die Behandlung
keineswegs einheitlich durchgeführt. Es wurde gebadet, gepudert,
die Gangränstellen längsincidiert, und die Zahl der hohen
Amputationen war groß. Man beschuldigte zu dieser Zeit auch
die Wickelgamaschen am Zustandekommen des Kälteschadens, war
sich darin aber nicht so ganz sicher. Die Behandlung der Kälteschäden
mit Kurzwellengeräten führten die Amerikaner in den Zwanziger
Jahren ein. Erst Campell aus Pontresina stellte Anfang der Dreißiger
Jahre die Forderung auf, eine Trennung der Problematik der allgemeinen
Unterkühlung von der der örtlichen Erfrierung durchzuführen
und empfahl seine Methode der langsamen Wiedererwärmung einer
erfrorenen Gliedmaße im Wasserbad von Brunnenwassertemperatur
mit Steigerung der Temperatur innerhalb einer halben Stunde auf
maximal 38 °C, also Aufwärmen von 1 Grad C pro Minute.
Eine Methode, die sich im Laufe der Jahre im ganzen Alpenraum verbreitete.
Noch während des 2. Weltkrieges, aber auch in der ersten Nachkriegszeit,
wurden zahlreiche experimentelle Untersuchungen zur Behandlung der
örtlichen Erfrierung vorgenommen. So beschrieb Fuhrmann 1946
Versuche an schockgefrorenen Kaninchenohren mit raschem und langsamem
Auftauen und sprach sich für eine rasche Wiedererwärmung
des gesetzten lokalen Kälteschadens aus.
Die erste wirksame Erfrierungsbehandlung im Rahmen einer Himalaja-Expedition
führte der französische Expeditionsarzt Oudot 1950 durch,
der seinen von der Anapurna-Besteigung zurückkommenden Kameraden
Herzog und Lachenal erstmals in einem Basislager intraarterielle
Injektionen von Azetylcholin verabreichte. 1956 trat Judmair für
die Spinalanästhesie bei Erfrierungen an beiden Beinen ein
und Shumaker empfahl die Sympathikusunterbrechung, die auch wir
heute noch in einer endoskopischen Technik bei vasomotorischen Störungen
nach Erfrierungen durchführen. David Knize veröffentlichte
1969 seine Versuche mit Dextran-Lösungen zur Verbesserung der
Fließeigenschaften im Kapillargebiet und empfahl die »Anti-sludge-Therapie
bei lokalen Erfrierungen«. Er wies zum erstenmal nach, daß
erfrorenes Gewebe bis zu einem gewissen Grad überleben kann,
falls die Gefäßbahn aktiviert werden kann. Eine Kälteläsion
sei teilweise reversibel, wenn es gelinge, die Zirkulation in Gang
zu bringen.
In den Sechziger Jahren traten amerikanische Autoren, insbesondere
Mills aus Anchorage, für ein rasches Wiedererwärmen in
einem überkörperwarmen Quirlbad von 42 °C ein, im
Gegensatz zu Campell's Methode, der die langsame Erwärmung
bis zur Körpertemperatur empfahl. Die zwei Gegenpole Mills
und Campell trafen sich 1964 persönlich beim denkwürdigen
Symposium über »Arktische Medizin und Biologie« in
Anchorage in Alaska. Das RR = »Rapid Rewarming« Mills'
wurde im gegenseitigen Einvernehmen in ein RR = »Reasonable
Rewarming«, in ein vernünftiges Aufwärmen, umgewandelt,
d.h. Auftauen in einem Wasserbad, das gerade so warm ist, daß
es in Anbetracht der Schmerzen noch auszuhalten ist.
Welche Sofortmaßnahmen sind nun zu empfehlen?
A) Am Unfallort durch den Kameraden:
Zentrale Aufwärmung des Körperkerns durch Zufuhr heißer,
gezuckerter Getränke.
Den erfrorenen Körperteil vor weiterer Kälteeinwirkung
schützen, nasse Kleider durch trockene ersetzen.
Kein Einreiben mit Schnee, nicht massieren.
Wärmen des erforenen Körperteiles am eigenen Körper
(z.B. Hand in die Achselhöhle legen).
Zufuhr von fremder Körperwärme (z.B. kältegeschädigten
Fuß in die Achselhöhle des Kameraden legen).
Sterile, trockene Verbände anbringen, keine Salbenauflage.
Druckfrei lagern.
Wenn keine allgemeine Unterkühlung: betroffene Extremität
aktiv bewegen lassen.
Bei geringfügigen Erfrierungen selbständiges Gehen, bei
schweren passiver Abtransport.
Keine Medikamente außer Thrombozytenaggregationshemmer (Aspirin®).
Geheizte Räumlichkeiten (Berghütte) aufsuchen.
B) In der Berghütte durch den Kameraden oder Bergrettungsmann:
Bei warmer Raumtemperatur zu den heißen, gezuckerten Getränken
auch Alkohol geben.
Eintauchen des betroffenen Körperabschnittes in ein lauwarmes
Wasserbad und soviel heißes Wasser zugießen, wie der
Kältegeschädigte es schmerzmäßig gerade noch
aushält. Aufwärmen durch eine halbe Stunde auf etwa 38
°C.
Orale Schmerzmittel zulässig und wünschenswert.
Auftretende Blasenbildung nicht punktieren, nicht öffnen, steril
abdecken.
Betroffene Extremität hochlagem, aber bewegen lassen.
Passiver Abtransport bei Blasenbildung, dann auch klinische Behandlung
notwendig.
Keine prognostischen Beurteilungen abgeben.
C) Zusätzliche Sofortbehandlung durch den Bergrettungsarzt:
Parenterale Verabreichung von Schmerzmitteln.
Lokalbehandlung der Blasen durch Sofratüll®-Salbengitter-
und Nebacetin®-Puder-Verbände. Legen einer intravenösen
Infusion (Anti-sludge-Präparate).
Verabreichung von niedermolekularem Heparin.
Von Spielberger wurde an über 300 Patienten eine Aufschlüsselung
der örtlichen Kälteschäden nach der Lokalisation
vorgenommen. Dabei zeigte sich, daß die Großzehe, wohl
durch Schuhdruck bedingt, am häufigsten von Kälteschäden
betroffen ist, gefolgt von der 2. Zehe, dem Daumen und dem Kleinfinger.
Nur selten kommt es zu lokalen Kälteschäden am Stamm,
wobei diese immer mit einer schweren allgemeinen Unterkühlung
mit Absenkung der Körperkerntemperatur einhergehen.
Erstaunlich ist es auch, bei welchen Gelegenheiten man sich Erfrierungen
zuziehen kann: wohl am häufigsten beim Bergsteigen - vor allem
beim Winterbergsteigen - und beim Schifahren. Aber schon an dritter
Stelle stehen in unserem Patientengut die Erfrierungen bei Expeditions-
und Trekking-Bergsteigern, gefolgt von Alkoholabhängigen und
Wohnsitzlosen. Auch beim Rodeln, Eislaufen, Jagen und Radfahren
kann es zu lokalen Kälteschäden kommen, und auch ein Bankräuber
kann sich schwerste Vorfußerfrierungen zuziehen, wenn er über
die schneebedeckte Grenze ins Ausland flüchten will.
So einfach die Erstbehandlung einer örtlichen Erfrierung ist
(Auftauen in einem Wasserbad), so polypragmatisch und multifaktoriell
ist die klinische Therapie, die überdies häufig eine interdisziplinäre
Zusammenarbeit notwendig macht. Voraussetzung für jede chirurgische
oder pharmakologische Behandlung einer lokalen Erfrierung ist die
Normothermie des Körpers und eine vollkommen aufgetaute Extremität.
Seit Jahren haben wir, auf den grundlegenden Arbeiten meines Lehrers
Burkhart Breitner aufbauend, unsere Behandlung nach den drei therapeutischen
Grundsätzen ausgerichtet:
Wärmezufuhr bis zur Normothermie
Gefäßaktive, medikamentöse Therapie
Exakte lokale Wundbehandlung, besonders Infektabwehr und Demarkationspflege
bis zur Amputation.
In dieses Therapieschema haben wir 1976 ein neues therapeutisches
Prinzip eingeführt: die Verbesserung der Fließeigenschaften
des Blutes, Verbesserung der Rheologie. Zuerst versuchten wir dies
mit einer fibrinolytischen Therapie mit Streptokinase, dann durch
Absenkung des Fibrinogenspiegels mit Arwin®, einer gereinigten
Fraktion des Giftdrüsensekretes der malayischen Grubenotter.
Unsere Behandlung bestand in der Verabreichung von 2 Ampullen Arwin®
(= 140 E) am ersten Tag und 1/2 - 1 Ampulle an den folgenden Tagen,
wobei der Fibrinogenspiegel meist am dritten Tag auf einen therapeutisch
wirksamen Bereich von etwa 70 - 100 mg% abgesenkt werden konnte.
Auffallend war, daß bei allen mit Arwin® behandelten lokalen
Kälteschäden Grad II mit Blasenbildung der anfänglich
seröse Inhalt sich blutig verfärbte, daß am Blasengrund
weniger nekrotische Defekte zurückblieben und sich die Demarkationsgrenze
rascher nach distal verlagerte. Die Blasen trockneten ein und wurden
später mit Schere und Pinzette entfernt. Die Dauer der Arwin®-Behandlung
betrug 2 - 3 Wochen und wurde nach Entlassung aus stationärer
Behandlung auch ambulant weitergeführt. Die Dosierung erfolgte
individuell je nach Fibrinogenspiegel. Als Dosierungsschema kann
eine Einheit Arwin® pro Tag und kg Körpergewicht, also
ca. 1/2 Amp. täglich, gelten. Als Antidot zu Arwin® dient
eine Immunglobulin-Zubereitung aus dem Serum hyperimmunisierter
Ziegen.
Nach verschiedenen weiteren medikamentösen Behandlungsversuchen
sind wir heute der Auffassung, daß:
Eine fibrinolytische Therapie mit Streptokinase oder Urokinase nur
dann effizient sein kann, wenn sie sofort nach dem Wiedererwärmungsbad
eingeleitet wird.
Eine frühzeitige prophylaktische Gabe eines Thrombozytenaggregationshemmers
(Aspirin®) sinvoll erscheint, wenngleich derzeit noch keine
kontrollierten Studien vorliegen.
Die Anwendung von Prostacyclin (Iloprost® + Prostavasin®)
einen Therapieversuch wert ist, obwohl bisher nur über Einzelfälle
berichtet wurde und unsere eigenen diesbezüglichen Erfahrungen
sich auf drei Fälle beschränken.
Unsere bisherigen guten Ergebnisse mit der Absenkung des Fibrinogenspiegels
durch Arwin® bei 300 Patienten mit örtlichen Erfrierungen
die Gabe von Arwin® weiterhin empfehlenswert ist und darüber
hinaus weitere Studien zu initiieren sind.
Niedermolekulares Heparin dann verabreicht werden sollte, wenn
eine Arwin®-Behandlung nicht möglich ist.
Eine generelle Antibiotika-Prophylaxe bei allen Erfrierungsschäden
sinnvoll erscheint, da schon die kleinste örtliche Infektion
die Prognose verschlechtert.
Um schwere Erfrierungsschäden bei Expeditionsbergsteigern
zu vermeiden, sollte die klinische Therapie schon im Basislager
einsetzen und nicht erst bei Einlieferung in ein europäisches
Krankenhaus. So wie Oudot 1950 bei Herzog intraarterielle AcetylcholinInjektionen
verabreichte, hat auch Raimund Margreiter im Basislager einer Tiroler
Anden-Expedition mit Infusionen und lumbalen Sympathikus-Blockaden
versucht, die Kälteschäden seiner Expeditionskameraden
zu behandeln.
Meiner Meinung nach würde sich auch eine rheologische Therapie
mit Arwin® ohne größeres Risiko verwirklichen lassen,
da der Fibrinogenspiegel bei Höhenbergsteigern erhöht
ist und die zusätzliche Polyglobulie eine weiteren Ausbreitung
der örtlichen Erfrierung begünstigt.
Wir haben die Kälteschäden von Expeditionsbergsteigern
einmal zusammengestellt. Sie kamen nicht alle aus Tirol bzw. Österreich,
auch Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Polen, Tschechen und
ein Thailänder waren darunter vertreten. Ihr Abtransport vom
Berg und der Flug nach Innsbruck dauerte durchschnittlich 12,4 Tage
- maximal 30, minimal 6 Tage, 8 wurden vorher in örtlichen
Regionalkrankenhäusern im Hindukusch, Pamir, in Indien und
China behandelt, einige wurden auch aus europäischen Krankenhäusern
und Kliniken an unsere Abteilung nach Innsbruck verlegt. 95 % aller
Bergsteiger hatten infizierte Nekrosen an den Extremitäten,
die angeschwollen und entzündlich verändert waren. Eine
Allgemeinsepsis mit Fieber bis 39 °C bestand schon in 5 Fällen
bei der Einlieferung, und damit war auch das Leben der Bergsteiger
bedroht. Bei allen Patienten bestand, wie zu erwarten, eine ausgeprägte
Polyglobulie. Nach wochenlanger konservativ-medikamentöser
Therapie erfolgte nach Demarkation die chirurgische Absetzung der
nekrotischen Akren.
Wir glauben daher, daß folgende zusätzliche Sofortmaßnahmen
bei Höhenbergsteigern mit örtlichen Erfrierungen Grad
II und III noch im Basislager zu empfehlen sind:
Reichlich Flüssigkeitszufuhr in Form von heißem, gezuckertem
Tee.
Bestimmung von Hämatokrit- und Hämoglobinwerten.
Fraktionierter Aderlaß (ca. 400 - 600 ccm Blut) und Ersatz
mit einem Plasmaexpander (Rheomacrodex®).
Einleitung einer Arwin®-Behandlung (ohne Fibrinogenbestimmung)
nach Schema: 2 ccm am ersten Tag, dann abwechselnd 1/2 und 1 ccm
Arwin® täglich subkutan bis zur Klinikeinlieferung).
Aktive und passive Tetanus-Immunisierung.
Antibiotischer Schutz.
Vorbereitung für den Liegendabtransport zum nächsten
Flugplatz.
Organisation des Heimfluges mit Stretcher oder Ambulanz-Jet.
Die lokale Wundbehandlung einer örtlichen Erfrierung muß
besonders sorgfältig durchgeführt werden und besteht in
folgenden Maßnahmen:
Hochlagerung der erfrorenen Extremität zur Vermeidung der
sekundären Ödembildung.
Salbengitter-Verbände in den ersten Tagen, um die Haut vor
Austrocknung zu schützen.
Keine Öffnung oder Punktion der anfangs gespannten Blasen,
sie wird bei Hochlagerung der Extremität überflüssig.
Bei infizierten Wunden und offenen Blasen täglich antibiotisches
Bad und lokal antibiotischer Puder (Nebacetin®). Eine zusätzliche
Verabreichung von Antibiotika oral oder i.v. wird insbesondere bei
allgemeiner Infektion notwendig.
Entfernung der abgelösten Haut und des nekrotischen Gewebes,
eventuell auch der Nägel, beim Verbandswechsel.
Peinlichst genaue Wundtoilette besonders an der Demarkationsgrenze,
die sich später zu einer Demarkationsfurche ausbildet, um Sekretstauungen
zu verhindern.
Prinzipiell Verwendung eines nicht einschnürenden Trikotschlauchverbandes
und eines hautschonenden Pflasters.
Hautpflege der proximal der Demarkationsfurche gelegenen Hautpartien
durch Fettsalben.
Die chirurgische Absetzung erfolgt erst nach Wochen und Monaten,
wenn die Mumifikation des nekrotischen Bezirkes und die Ausbildung
der Demarkationsfurche vollkommen ist. Es ist daher das wichtigste,
mit der konservativen Behandlung so lange fortzufahren, bis der
Körper die Amputationsgrenze selbst markiert. Frühzeitige
Amputationen führen zu schlechten Ergebnissen und sind daher
kontraindiziert, da häufig Nachamputation erforderlich werden.
Bei Fingeramputationen ist meist eine Kürzung des nekrotischen
Knochens und gelegentlich auch eine Deckung mit Spalt- oder Vollhaut
erforderlich.
Bei Vorfußamputationen sind auch orthopädische Gesichtspunkte
zu berücksichtigen, sodaß meist der besser durchblutete
volare Hautanteil nach Art eines Löschwiegen-Fußes nach
dorsal umgeschlagen wird oder eine freie Haut-Muskel-Lappentransplantation
notwendig wird.
Spezielle plastisch-chirurgische Behandlungsmaßnahmen sind
selten erforderlich. Beispielhaft sei hier der Fall eines 35jährigen
thailändischen Mönches und Lehrers angeführt, der
die Fingeramputation verweigerte, da er sonst seine Staatsanstellung
verlieren und auch nicht in das Nirwana eingehen würde. Es
wurden bei ihm die nekrotischen Endphalangen zur Erhaltung aller
Körperteile aus religiösen Gründen in den Oberarm
eingepflanzt und 4 Wochen später zu Fingerbeeren umgeformt.
Er kam nach knapp einem Jahr mit Fistelbildungen an den Fingerbeeren
wieder, wobei man die Reste der nekrotischen Endphalanx dann mit
der Pinzette entfernen konnte.
Abschließend möchte ich festhalten, daß ausgeheilte
Erfrierungsschäden, wie zahlreiche Expeditionsbergsteiger schon
bewiesen haben, kein Hindernis für weitere Bergbesteigungen
sind, da der Kälteschaden auf den Ort der Schadenseinwirkung
beschränkt bleibt. Doch bis dahin vergehen Wochen und Monate,
in denen sich Arzt und Patient in Geduld fassen und bei guter Laune
bleiben müssen.
Literatur beim Verfasser
Anschrift des Verfassers:
Univ.- Prof. Dr. Gerhard Flora
A-6020 Innsbruck, Höhenstraße 54
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