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KÄLTEUNFÄLLE UND BAROTRAUMA

Erstbehandlung und Klinische Therapie der Erfrierung (G. Flora)

Kälteschäden sind sicher so alt wie die Menschen, die sich in der winterlichen Natur aufhalten. Während sie in Friedenszeiten nur vereinzelt auftreten, können bei kriegerischen Auseinandersetzungen tausende Menschen den winterlichen Umweltbedingungen ausgesetzt werden, wie z.B. beim Rückzug Napoleons aus Rußland 1812.
Entscheidend für das Auftreten eines Kälteschadens sind einerseits der Wärmeverlust des Körpers im gesamten, der zu einem Absinken der Körperkerntemperatur und damit zu einer allgemeinen Unterkühlung führt, und andererseits der isolierte Wärmeverlust an einer exponierten Körperoberfläche, wobei es dann zu lokalen Kälteschäden kommen kann.

Eine Reihe von Faktoren bestimmen den Schweregrad eines Kälteschadens. Nicht nur die Außentemperatur, auch Wind und Feuchtigkeit spielen gerade bei einer Kälteexposition im Hochgebirge eine ganz wesentliche Rolle. Stehen wir bei sehr kaltem oder windstillem Wetter im Freien, bildet sich um unseren Körper herum eine schützende Warmlufthülle, die wie eine Thermosflasche wirkt. Kommt jedoch Sturm auf, wird die Warmluft weggeblasen und der Wärmeverlust exponierter Hautstellen steigt erheblich.

Eriksson hat versucht, dies in einem Wind-Kälte-Index auszudrücken. Bei -20 °C wagen sich vielleicht noch einige Schifahrer hinaus. Bei einem zusätzlichen Wind von 20 m/sek. ergibt sich eine Temperatur von -52 °C. Daraus resultieren Umweltbedingungen, die sicher niemanden mehr zum Schifahren locken würden, in welchen aber Bergrettungsmänner noch im Einsatz stehen.

Nicht zu unterschätzen sind die individuellen Faktoren, wie alte Frostschäden, Akklimatisation, Training und Erfahrung. Ein gut ausgerüsteter Winterbergsteiger oder trainierter hochalpiner Tourenschiläufer wird sich mit seinem gesunden und wohlernährten Körper der Kälte anpassen und ihr widerstehen können. Ist der körperliche Allgemeinzustand aber durch Ermüdung, Erschöpfung oder gar Verletzung beeinträchtigt, kann es wesentlich leichter zu einem generalisierten Kälteschaden, zu einer allgemeinen Unterkühlung oder einem lokalen Kälteschaden, einer örtlichen Erfrierung kommen.

Die allgemeine Unterkühlung kann in zwei Formen auftreten. Bei der akuten akzidentellen Hypothermie, der sehr raschen Unterkühlung, z. B. eines Schiffbrüchigen im Eismeer oder bei einem Sturz in einen Gletscherbach, beträgt die Überlebenszeit bei einer Wassertemperatur von +5 °C höchstens 1-2 Stunden (Souchon), der Tod kann aber auch innerhalb von Minuten durch Herzkammerflimmern eintreten.

Bei der subakuten akzidentellen Hypothermie, wie z.B. bei einem Lawinenunfall, sinkt die Körperkerntemperatur langsam innerhalb von Stunden ab, der Verschüttete schläft ein. Wir finden ihn bewußtlos mit einer Vita minima und orientieren unser therapeutisches Vorgehen nach der Körperkerntemperatur.

Eine örtliche Erfrierung ist nach Zelger ein umschriebener Kälteschaden des Gewebes, der durch ein einmaliges, intensives Kältetrauma zustande kommt. Der betroffene Körperabschnitt ist kalt, weiß und gefühllos, und die Gelenke können kaum bewegt werden. In diesem Stadium ist es auch für den Fachmann unmöglich, prognostische Beurteilungen abzugeben, denn es ist oft erst nach Tagen möglich, eine örtliche Erfrierung einer klinischen Grad-Einteilung zuzuordnen.

Grad I einer örtlichen Erfrierung ist gekennzeichnet durch Abkühlung und Blässe, sowie stechende Schmerzen in der betreffenden Hautregion. Die im Anfangsstadium völlig weiße und gefühllose Haut verfärbt sich in den folgenden Tagen bräunlich und kann sich später auch von der Unterlage abheben.

Grad II eines lokalen Kälteschadens wird erst nach Wiedererwämung klinisch relevant und ist durch Rötung, Schwellung und Blasenbildung, in erster Linie an Füßen und Händen, z.B. nach Verlust der Handschuhe, gekennzeichnet.

Der Grad III einer örtlichen Erfrierung ist durch eine Nekrose mit schwarzer, eingetrockneter Haut und hartem Unterhautzellgewebe charakterisiert, dessen Ausmaß erst nach Tagen und Wochen festgestellt werden kann und betrifft vorwiegend jene Körperstellen, die neben dem Kälteeinfluß auch noch eine Druckeinwirkung, z.B. durch zu enges Schuhwerk, aushalten mußten. An der Grenze zwischen dem lebenden und abgestorbenen Gewebe bildet sich nach Wochen und Monaten ein meist von Eiter und Sekret erfüllter Spalt, die Demarkationsfurche, aus.

Bei der Behandlung der örtlichen Erfrierung ist grundsätzlich festzuhalten, daß der Versuch, Gliedmaßen aufzutauen, keinen Sinn hat, solange sich der Körper noch im Zustand der Unterkühlung mit hochgradiger Zentralisation des Kreislaufes befindet. Erst nach allgemeiner Wiedererwärmung erfolgt die Öffnung der in die Peripherie führenden arteriellen Strombahn. Das Auftauen einer erfrorenen Extremität, das Wiedererwärmen, sollte natürlich so früh wie möglich erfolgen, jedoch nur dann, wenn ein neuerlicher Kälteeinfluß ausgeschlossen werden kann. Ein Höhenbergsteiger sollte daher besser mit seinen erfrorenen Füßen ins Basislager absteigen, als in einem Hochlager mit dem Auftauen zu beginnen. Mit den Blasen an den Füßen wäre er nicht mehr imstande, seine Bergschuhe wieder anzuziehen und müßte hilflos auf einen Abtransport warten. Jede Erfrierung, die über den Grad I hinausgeht, sollte einer klinischen Behandlung zugeührt werden.

Über Behandlungsversuche der Kälteschäden in früheren Zeiten weiß man nur wenig. Eines ist jedoch sicher: unsere Vorfahren waren Kälteeinflüssen gegenüber wesentlich widerstandsfähiger als die heutigen Zivilisationsmenschen. Sie haben sich vor allem weniger gewaschen und ihre exponierten Stellen mit Tierfett eingeschmiert. Allen vorbeugenden Maßnahmen zur Vermeidung von Kälteschäden, z.B. durch feste Kleidung, Ohrenschutz, Gesichtsschutzmasken, Doppel-oder Dreifachschuh bei Expeditionsbergsteigern u.a.m., müssen wir größte Beachtung schenken.

Wie vieles in der Medizin, hat sich auch die Behandlung des örtlichen Kälteschadens im Wandel der Zeit geändert. Die erste therapeutische Empfehlung, die auch heute noch Gültigkeit hat, nämlich die konsequente Hochlagerung einer kältegeschädigten Extremität, gab Selenkoff, der im russisch-türkischen Krieg 1877 den Wert dieser Behandlungsmethode erkannte und beschrieb. Alle Schriften der vor-antiseptischen Zeit erwähnen bei der Erfrierungsbehandlung ausdrücklich die Seltenheit der Mumifikation und die große Gefahr der septischen Gangränbildung. Ihre Verhinderung wurde deshalb schon als besonderer Erfolg der Therapie gebucht.
Vor der Jahrhundertwende sprach man noch von einem »erschreckten Glied«, wenn man einen örtlichen Kälteschaden an einer Extremität meinte und empfahl »fortgesetztes Reiben mit Schnee oder naßkalten Tüchern«, wie dies aus der Schrift des Samariter-Dienstes von Oskar Bernhard 1896 aus Samedan hervorgeht.

Obwohl im 1. Weltkrieg in den Stellungskriegen der Ostalpenfront zahlreiche Erfrierungsfälle anfielen, wurde die Behandlung keineswegs einheitlich durchgeführt. Es wurde gebadet, gepudert, die Gangränstellen längsincidiert, und die Zahl der hohen Amputationen war groß. Man beschuldigte zu dieser Zeit auch die Wickelgamaschen am Zustandekommen des Kälteschadens, war sich darin aber nicht so ganz sicher. Die Behandlung der Kälteschäden mit Kurzwellengeräten führten die Amerikaner in den Zwanziger Jahren ein. Erst Campell aus Pontresina stellte Anfang der Dreißiger Jahre die Forderung auf, eine Trennung der Problematik der allgemeinen Unterkühlung von der der örtlichen Erfrierung durchzuführen und empfahl seine Methode der langsamen Wiedererwärmung einer erfrorenen Gliedmaße im Wasserbad von Brunnenwassertemperatur mit Steigerung der Temperatur innerhalb einer halben Stunde auf maximal 38 °C, also Aufwärmen von 1 Grad C pro Minute. Eine Methode, die sich im Laufe der Jahre im ganzen Alpenraum verbreitete.

Noch während des 2. Weltkrieges, aber auch in der ersten Nachkriegszeit, wurden zahlreiche experimentelle Untersuchungen zur Behandlung der örtlichen Erfrierung vorgenommen. So beschrieb Fuhrmann 1946 Versuche an schockgefrorenen Kaninchenohren mit raschem und langsamem Auftauen und sprach sich für eine rasche Wiedererwärmung des gesetzten lokalen Kälteschadens aus.

Die erste wirksame Erfrierungsbehandlung im Rahmen einer Himalaja-Expedition führte der französische Expeditionsarzt Oudot 1950 durch, der seinen von der Anapurna-Besteigung zurückkommenden Kameraden Herzog und Lachenal erstmals in einem Basislager intraarterielle Injektionen von Azetylcholin verabreichte. 1956 trat Judmair für die Spinalanästhesie bei Erfrierungen an beiden Beinen ein und Shumaker empfahl die Sympathikusunterbrechung, die auch wir heute noch in einer endoskopischen Technik bei vasomotorischen Störungen nach Erfrierungen durchführen. David Knize veröffentlichte 1969 seine Versuche mit Dextran-Lösungen zur Verbesserung der Fließeigenschaften im Kapillargebiet und empfahl die »Anti-sludge-Therapie bei lokalen Erfrierungen«. Er wies zum erstenmal nach, daß erfrorenes Gewebe bis zu einem gewissen Grad überleben kann, falls die Gefäßbahn aktiviert werden kann. Eine Kälteläsion sei teilweise reversibel, wenn es gelinge, die Zirkulation in Gang zu bringen.

In den Sechziger Jahren traten amerikanische Autoren, insbesondere Mills aus Anchorage, für ein rasches Wiedererwärmen in einem überkörperwarmen Quirlbad von 42 °C ein, im Gegensatz zu Campell's Methode, der die langsame Erwärmung bis zur Körpertemperatur empfahl. Die zwei Gegenpole Mills und Campell trafen sich 1964 persönlich beim denkwürdigen Symposium über »Arktische Medizin und Biologie« in Anchorage in Alaska. Das RR = »Rapid Rewarming« Mills' wurde im gegenseitigen Einvernehmen in ein RR = »Reasonable Rewarming«, in ein vernünftiges Aufwärmen, umgewandelt, d.h. Auftauen in einem Wasserbad, das gerade so warm ist, daß es in Anbetracht der Schmerzen noch auszuhalten ist.


Welche Sofortmaßnahmen sind nun zu empfehlen?
A) Am Unfallort durch den Kameraden:
Zentrale Aufwärmung des Körperkerns durch Zufuhr heißer, gezuckerter Getränke.

Den erfrorenen Körperteil vor weiterer Kälteeinwirkung schützen, nasse Kleider durch trockene ersetzen.

Kein Einreiben mit Schnee, nicht massieren.

Wärmen des erforenen Körperteiles am eigenen Körper (z.B. Hand in die Achselhöhle legen).

Zufuhr von fremder Körperwärme (z.B. kältegeschädigten Fuß in die Achselhöhle des Kameraden legen).
Sterile, trockene Verbände anbringen, keine Salbenauflage.

Druckfrei lagern.
Wenn keine allgemeine Unterkühlung: betroffene Extremität aktiv bewegen lassen.
Bei geringfügigen Erfrierungen selbständiges Gehen, bei schweren passiver Abtransport.
Keine Medikamente außer Thrombozytenaggregationshemmer (Aspirin®).
Geheizte Räumlichkeiten (Berghütte) aufsuchen.

B) In der Berghütte durch den Kameraden oder Bergrettungsmann:

Bei warmer Raumtemperatur zu den heißen, gezuckerten Getränken auch Alkohol geben.
Eintauchen des betroffenen Körperabschnittes in ein lauwarmes Wasserbad und soviel heißes Wasser zugießen, wie der Kältegeschädigte es schmerzmäßig gerade noch aushält. Aufwärmen durch eine halbe Stunde auf etwa 38 °C.
Orale Schmerzmittel zulässig und wünschenswert.
Auftretende Blasenbildung nicht punktieren, nicht öffnen, steril abdecken.
Betroffene Extremität hochlagem, aber bewegen lassen.
Passiver Abtransport bei Blasenbildung, dann auch klinische Behandlung notwendig.
Keine prognostischen Beurteilungen abgeben.

C) Zusätzliche Sofortbehandlung durch den Bergrettungsarzt:

Parenterale Verabreichung von Schmerzmitteln.

Lokalbehandlung der Blasen durch Sofratüll®-Salbengitter- und Nebacetin®-Puder-Verbände. Legen einer intravenösen Infusion (Anti-sludge-Präparate).

Verabreichung von niedermolekularem Heparin.

Von Spielberger wurde an über 300 Patienten eine Aufschlüsselung der örtlichen Kälteschäden nach der Lokalisation vorgenommen. Dabei zeigte sich, daß die Großzehe, wohl durch Schuhdruck bedingt, am häufigsten von Kälteschäden betroffen ist, gefolgt von der 2. Zehe, dem Daumen und dem Kleinfinger. Nur selten kommt es zu lokalen Kälteschäden am Stamm, wobei diese immer mit einer schweren allgemeinen Unterkühlung mit Absenkung der Körperkerntemperatur einhergehen.
Erstaunlich ist es auch, bei welchen Gelegenheiten man sich Erfrierungen zuziehen kann: wohl am häufigsten beim Bergsteigen - vor allem beim Winterbergsteigen - und beim Schifahren. Aber schon an dritter Stelle stehen in unserem Patientengut die Erfrierungen bei Expeditions- und Trekking-Bergsteigern, gefolgt von Alkoholabhängigen und Wohnsitzlosen. Auch beim Rodeln, Eislaufen, Jagen und Radfahren kann es zu lokalen Kälteschäden kommen, und auch ein Bankräuber kann sich schwerste Vorfußerfrierungen zuziehen, wenn er über die schneebedeckte Grenze ins Ausland flüchten will.

So einfach die Erstbehandlung einer örtlichen Erfrierung ist (Auftauen in einem Wasserbad), so polypragmatisch und multifaktoriell ist die klinische Therapie, die überdies häufig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig macht. Voraussetzung für jede chirurgische oder pharmakologische Behandlung einer lokalen Erfrierung ist die Normothermie des Körpers und eine vollkommen aufgetaute Extremität.

Seit Jahren haben wir, auf den grundlegenden Arbeiten meines Lehrers Burkhart Breitner aufbauend, unsere Behandlung nach den drei therapeutischen Grundsätzen ausgerichtet:


Wärmezufuhr bis zur Normothermie

Gefäßaktive, medikamentöse Therapie

Exakte lokale Wundbehandlung, besonders Infektabwehr und Demarkationspflege bis zur Amputation.

In dieses Therapieschema haben wir 1976 ein neues therapeutisches Prinzip eingeführt: die Verbesserung der Fließeigenschaften des Blutes, Verbesserung der Rheologie. Zuerst versuchten wir dies mit einer fibrinolytischen Therapie mit Streptokinase, dann durch Absenkung des Fibrinogenspiegels mit Arwin®, einer gereinigten Fraktion des Giftdrüsensekretes der malayischen Grubenotter. Unsere Behandlung bestand in der Verabreichung von 2 Ampullen Arwin® (= 140 E) am ersten Tag und 1/2 - 1 Ampulle an den folgenden Tagen, wobei der Fibrinogenspiegel meist am dritten Tag auf einen therapeutisch wirksamen Bereich von etwa 70 - 100 mg% abgesenkt werden konnte.
Auffallend war, daß bei allen mit Arwin® behandelten lokalen Kälteschäden Grad II mit Blasenbildung der anfänglich seröse Inhalt sich blutig verfärbte, daß am Blasengrund weniger nekrotische Defekte zurückblieben und sich die Demarkationsgrenze rascher nach distal verlagerte. Die Blasen trockneten ein und wurden später mit Schere und Pinzette entfernt. Die Dauer der Arwin®-Behandlung betrug 2 - 3 Wochen und wurde nach Entlassung aus stationärer Behandlung auch ambulant weitergeführt. Die Dosierung erfolgte individuell je nach Fibrinogenspiegel. Als Dosierungsschema kann eine Einheit Arwin® pro Tag und kg Körpergewicht, also ca. 1/2 Amp. täglich, gelten. Als Antidot zu Arwin® dient eine Immunglobulin-Zubereitung aus dem Serum hyperimmunisierter Ziegen.

Nach verschiedenen weiteren medikamentösen Behandlungsversuchen sind wir heute der Auffassung, daß:


Eine fibrinolytische Therapie mit Streptokinase oder Urokinase nur dann effizient sein kann, wenn sie sofort nach dem Wiedererwärmungsbad eingeleitet wird.

Eine frühzeitige prophylaktische Gabe eines Thrombozytenaggregationshemmers (Aspirin®) sinvoll erscheint, wenngleich derzeit noch keine kontrollierten Studien vorliegen.

Die Anwendung von Prostacyclin (Iloprost® + Prostavasin®) einen Therapieversuch wert ist, obwohl bisher nur über Einzelfälle berichtet wurde und unsere eigenen diesbezüglichen Erfahrungen sich auf drei Fälle beschränken.

Unsere bisherigen guten Ergebnisse mit der Absenkung des Fibrinogenspiegels durch Arwin® bei 300 Patienten mit örtlichen Erfrierungen die Gabe von Arwin® weiterhin empfehlenswert ist und darüber hinaus weitere Studien zu initiieren sind.

Niedermolekulares Heparin dann verabreicht werden sollte, wenn eine Arwin®-Behandlung nicht möglich ist.

Eine generelle Antibiotika-Prophylaxe bei allen Erfrierungsschäden sinnvoll erscheint, da schon die kleinste örtliche Infektion die Prognose verschlechtert.

Um schwere Erfrierungsschäden bei Expeditionsbergsteigern zu vermeiden, sollte die klinische Therapie schon im Basislager einsetzen und nicht erst bei Einlieferung in ein europäisches Krankenhaus. So wie Oudot 1950 bei Herzog intraarterielle AcetylcholinInjektionen verabreichte, hat auch Raimund Margreiter im Basislager einer Tiroler Anden-Expedition mit Infusionen und lumbalen Sympathikus-Blockaden versucht, die Kälteschäden seiner Expeditionskameraden zu behandeln.
Meiner Meinung nach würde sich auch eine rheologische Therapie mit Arwin® ohne größeres Risiko verwirklichen lassen, da der Fibrinogenspiegel bei Höhenbergsteigern erhöht ist und die zusätzliche Polyglobulie eine weiteren Ausbreitung der örtlichen Erfrierung begünstigt.

Wir haben die Kälteschäden von Expeditionsbergsteigern einmal zusammengestellt. Sie kamen nicht alle aus Tirol bzw. Österreich, auch Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Polen, Tschechen und ein Thailänder waren darunter vertreten. Ihr Abtransport vom Berg und der Flug nach Innsbruck dauerte durchschnittlich 12,4 Tage - maximal 30, minimal 6 Tage, 8 wurden vorher in örtlichen Regionalkrankenhäusern im Hindukusch, Pamir, in Indien und China behandelt, einige wurden auch aus europäischen Krankenhäusern und Kliniken an unsere Abteilung nach Innsbruck verlegt. 95 % aller Bergsteiger hatten infizierte Nekrosen an den Extremitäten, die angeschwollen und entzündlich verändert waren. Eine Allgemeinsepsis mit Fieber bis 39 °C bestand schon in 5 Fällen bei der Einlieferung, und damit war auch das Leben der Bergsteiger bedroht. Bei allen Patienten bestand, wie zu erwarten, eine ausgeprägte Polyglobulie. Nach wochenlanger konservativ-medikamentöser Therapie erfolgte nach Demarkation die chirurgische Absetzung der nekrotischen Akren.

Wir glauben daher, daß folgende zusätzliche Sofortmaßnahmen bei Höhenbergsteigern mit örtlichen Erfrierungen Grad II und III noch im Basislager zu empfehlen sind:


Reichlich Flüssigkeitszufuhr in Form von heißem, gezuckertem Tee.

Bestimmung von Hämatokrit- und Hämoglobinwerten.

Fraktionierter Aderlaß (ca. 400 - 600 ccm Blut) und Ersatz mit einem Plasmaexpander (Rheomacrodex®).

Einleitung einer Arwin®-Behandlung (ohne Fibrinogenbestimmung) nach Schema: 2 ccm am ersten Tag, dann abwechselnd 1/2 und 1 ccm Arwin® täglich subkutan bis zur Klinikeinlieferung).

Aktive und passive Tetanus-Immunisierung.

Antibiotischer Schutz.

Vorbereitung für den Liegendabtransport zum nächsten Flugplatz.

Organisation des Heimfluges mit Stretcher oder Ambulanz-Jet.

Die lokale Wundbehandlung einer örtlichen Erfrierung muß besonders sorgfältig durchgeführt werden und besteht in folgenden Maßnahmen:

Hochlagerung der erfrorenen Extremität zur Vermeidung der sekundären Ödembildung.

Salbengitter-Verbände in den ersten Tagen, um die Haut vor Austrocknung zu schützen.

Keine Öffnung oder Punktion der anfangs gespannten Blasen, sie wird bei Hochlagerung der Extremität überflüssig.

Bei infizierten Wunden und offenen Blasen täglich antibiotisches Bad und lokal antibiotischer Puder (Nebacetin®). Eine zusätzliche Verabreichung von Antibiotika oral oder i.v. wird insbesondere bei allgemeiner Infektion notwendig.

Entfernung der abgelösten Haut und des nekrotischen Gewebes, eventuell auch der Nägel, beim Verbandswechsel.

Peinlichst genaue Wundtoilette besonders an der Demarkationsgrenze, die sich später zu einer Demarkationsfurche ausbildet, um Sekretstauungen zu verhindern.

Prinzipiell Verwendung eines nicht einschnürenden Trikotschlauchverbandes und eines hautschonenden Pflasters.

Hautpflege der proximal der Demarkationsfurche gelegenen Hautpartien durch Fettsalben.

Die chirurgische Absetzung erfolgt erst nach Wochen und Monaten, wenn die Mumifikation des nekrotischen Bezirkes und die Ausbildung der Demarkationsfurche vollkommen ist. Es ist daher das wichtigste, mit der konservativen Behandlung so lange fortzufahren, bis der Körper die Amputationsgrenze selbst markiert. Frühzeitige Amputationen führen zu schlechten Ergebnissen und sind daher kontraindiziert, da häufig Nachamputation erforderlich werden.

Bei Fingeramputationen ist meist eine Kürzung des nekrotischen Knochens und gelegentlich auch eine Deckung mit Spalt- oder Vollhaut erforderlich.

Bei Vorfußamputationen sind auch orthopädische Gesichtspunkte zu berücksichtigen, sodaß meist der besser durchblutete volare Hautanteil nach Art eines Löschwiegen-Fußes nach dorsal umgeschlagen wird oder eine freie Haut-Muskel-Lappentransplantation notwendig wird.

Spezielle plastisch-chirurgische Behandlungsmaßnahmen sind selten erforderlich. Beispielhaft sei hier der Fall eines 35jährigen thailändischen Mönches und Lehrers angeführt, der die Fingeramputation verweigerte, da er sonst seine Staatsanstellung verlieren und auch nicht in das Nirwana eingehen würde. Es wurden bei ihm die nekrotischen Endphalangen zur Erhaltung aller Körperteile aus religiösen Gründen in den Oberarm eingepflanzt und 4 Wochen später zu Fingerbeeren umgeformt. Er kam nach knapp einem Jahr mit Fistelbildungen an den Fingerbeeren wieder, wobei man die Reste der nekrotischen Endphalanx dann mit der Pinzette entfernen konnte.
Abschließend möchte ich festhalten, daß ausgeheilte Erfrierungsschäden, wie zahlreiche Expeditionsbergsteiger schon bewiesen haben, kein Hindernis für weitere Bergbesteigungen sind, da der Kälteschaden auf den Ort der Schadenseinwirkung beschränkt bleibt. Doch bis dahin vergehen Wochen und Monate, in denen sich Arzt und Patient in Geduld fassen und bei guter Laune bleiben müssen.

Literatur beim Verfasser


Anschrift des Verfassers:
Univ.- Prof. Dr. Gerhard Flora
A-6020 Innsbruck, Höhenstraße 54

© 2010 Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen e.V.
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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