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Spezielle Rettungsmittel und Notfallmedizintechnik –
Handhabung im praktischen Einsatz


K.-G. Kanz (1), S Ruchholtz (2), K. Enhuber (3)

1, 2 Chirurgische Klinik und Poliklinik, Klinikum Innenstadt,
Ludwig-Maximilians-Universität München
3 Berufsfeuerwehr München und ANR der LMU München


Einführung
Einsatz hydraulischer Rettungsmittel
Bedeutung des Airbag für die Rettung
HWS-Schienung
Wirbelsäulen-Schienung
Anwendung von Schaufeltragen
Immobilisation
Intubation


Einführung

Bei der Rettung des Unfallverletzten ist wegen der hohen Inzidenz von Wirbelsäulenverletzungen auf einen sorgfältigen und schonenden Einsatz von modernen Rettungsmittel zu achten. Der Verletzungsmechanismus kann hierbei wertvolle Hinweise auf das Verletzungsmuster geben (Tabelle 1). Obwohl im Allgemeinen der Einsatz und die Anwendung durch Feuerwehrleute oder Rettungsassistenten erfolgt, trägt der Notarzt, gegebenfalls in Rücksprache mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr, die medizinische Verantwortung für den Patienten. Im folgenden soll ein Überblick über moderne Techniken der Rettung und die Handhabung von neuen Rettungsmitteln gegeben werden.

Tabelle 1: Inzidenz schwerer Wirbelsäulenverletzungen (AIS > 2) bei Polytrauma in Abhängigkeit vom Unfallmechanismus
Gesamtkollektiv
N=195; ISS 39,5
PKW - Frontal-
unfall mit Gurt
Suizidaler
Sprung
Akzidenteller
Sturz
Inzidenz 16% 25% 30% 41%
HWS 5% 17% - 23%
BWS 5% - 8% 9%
LWS 10% 8% 23% 23%
Querschnitt 5% 8% 8% 23%
nach S. Ruchholtz Unfallchirurg (1996) 99: 633-641

Einsatz hydraulischer Rettungsgeräte

Der Einsatz hydraulischer Rettungsgeräte wie Schere, Kette, Spreizer und Zylinder bei eingeklemmten Personen wird durch die Feuerwehren im Rahmen der technischen Rettung durchgeführt. Vor dem Einsatz werden noch nicht zerstörte Glasscheiben splitterfrei entfernt. Das Fahrzeug wird gegen Wegrollen gesichert und gegen ungewollte Knickbildungen der Bodengruppe mit Rüsthö;lzern unterbaut. Die beiden A-Säulen werden oberhalb des Armaturenbrettes durchtrennt. Weiters werden beide Bodenschweller jeweils am vorderen Ende des Einstiegs eingeschnitten und die Dachhaut wird direkt vor den B-Säulen ebenfalls eingeschnitten.

Autoknick nach T. Kolb
Abbildung 1: Knicken des Fahrzeugs nach T.Kolb, Brandschutz 3/1995 181-182.

Der Vorderbereich des Fahrzeugdaches wird nach hinten geklappt, nach diagonalem Einsetzen des hydraulischen Rettungszylinders in die Einstiegsöffnung wird das Fahrzeug in Höhe der Schwellereinschnitte aufgeknickt. Hierdurch bewegt sich das Lenkrad vom Patienten weg nach oben. Alternativ kann auch ein Hebekissen unter der Sollknickstelle plaziert werden. Ein Vorteil dieser Methode besteht neben der schonenden Rettung darin, daß bei nicht ausgelöstem Airbag nur geringe Beschleunigungen auf das Lenkrad bzw. die Auslöseeinheit einwirken.

Bedeutung des Airbag für die Rettung

Fahrzeuge mit Airbag sind durch Schriftzüge »Airbag« oder »SRS« auf dem Modul gekennzeichnet. Für die Auslösung gelten folgende Kriterien: negative Beschleunigung > 28g, Einwirkdauer > 18ms, Frontalaufprall ± 30°, Geschwindigkeit > 30 km/h. Bei bereits ausgelöstem Airbag ist ein direkter Kontakt mit dem durch die hohe Aktivierungsenergie erhitzten Airbagmodul zu vermeiden. Dieses kann für etwa 20 min. Verbrennungen des Retters verursachen. Bei nicht ausgelöstem Airbag ist zunächst die Batterie durch die technische Rettung abzuklemmen, allerdings geben manche Hersteller noch eine Funktion des Airbags bis zu 20 min. nach Unterbrechung der Stromversorgung an. Dabei ist zu beachten, daß hierdurch auch elektrische Sitzverstellungen inaktiviert und die Rettung des Patienten gegebenfalls erschwert wird. Der Einsatz von Airbagrückhaltesystemen, die über dem Lenkrad fixiert werden, ist deshalb insbesondere bei Maßnahmen der technischen Rettung angezeigt. Ohne diese Vorsichtsmaßnahme sollte sich der Retter aus Eigenschutz nicht zwischen dem Lenkrad bzw. dem Armaturenbrett und dem Patienten positionieren. Funkgeräte bzw. Funktelefone sollten nicht näher als ca. 5 Meter am Unfallfahrzeug verwendet werden, um eine Fehlauslösung durch Radiointerferenzen zu vermeiden.

Halswirbelsäulen-Schienung (z.B. durch Stifneck)

Bei allen Verletzungen des Schädels und bei Akzelerations- bzw. Dezelerationstraumata sowie bei Wasserunfällen ist eine HWS-Schienung obligatorisch zu fordern. Die Flexion und Extension in der HWS ist bei tiefer Bewußtlosigkeit zudem durch den verringerten Tonus der Hals- und Nackenmuskulatur verstärkt. Bei Verwendung der Stifneck-Schiene wird die HWS in Neutralposition stabilisiert. Eine dreieckige Aussparung über der Trachea ermöglicht ein Tasten des Carotispulses, die Abstützung erfolgt über die Schultern, bzw. den Unterkiefer und das Hinterhaupt, wodurch eine Kompression der Gefäße der Halsregion und damit eine unerwünschte intrakranielle Drucksteigerung vermieden wird. Diese Problematik ist ebenfalls bei falsch angelegtem bzw. zu kleinem Stifneck zu beachten.

HWS-Schienung mittels Stifneck
Abbildung 2: HWS-Schienung mittels Stifneck.

Ein Retter umfaßt den Kopf des Patienten und stabilisiert die HWS in Neutralposition. Der zweite Retter mißt den Abstand Kinn-Schulter aus und wählt den entsprechenden Stifneck. Der geöffnete Kragen wird unter der HWS durchgeschoben und mittels Klettverschluss fixiert.

Wirbelsäulen-Schienung z.B. durch KED-System

Das KED-System, »Kendrick extrication device«, ermöglicht eine schonende Rettung unter besonders schwierigen räumlichen Bedingungen, in denen keine Schienen oder Tragen zur Anwendung kommen können. Es handelt sich hierbei um eine rigides Rettungskorsett, das um den Rumpf des Patienten angelegt wird und eine Immobilisation der gesamten Wirbelsäule inklusive des Kopfes ermöglicht. Der Verletzte kann dann gefahrlos aus dem Fahrzeug geborgen werden.

KED-System
Abbildung 3. Immobilisation mittels KED-System.

Nach Anlegen einer HWS-Schiene wird das KED-System in geöffnetem Zustand hinter den Patienten geschoben. Durch Schließen der Gurte wird der Patient fixiert, die Stabilisierung erfolgt durch die eingearbeiteten Längsstäbe. Bei Anlage über dem Becken kann durch das System zusätzlich eine Beckenfraktur komprimiert und stabilisiert werden.

Anwendung von Schaufeltragen

Die Schaufeltrage ist aus Gewichtsgründen aus Aluminium gefertigt und dient dem einfachen und schonenden Umlagern des Patienten auf Vakuummatratze oder »spine board«, gleichzeitig ermöglicht sie die schnelle Rettung aus extrem engen Räumen. Durch die Konstruktion ähnlich einer Schaufel, die beidseits unter den Patienten plaziert wird, können Bewegungen des Verletzten stark reduziert werden.

Schaufeltrage
Abbildung 4: Anwendung der Schaufeltrage.

Nach Anlegen einer HWS-Schiene werden die beiden Schaufeltragenteile rechts und links vom Patienten positioniert. Anschließend strafft ein Retter die Kleidung des Patienten, während der zweite Retter die Schaufelblätter einer Tragenhälfte unter den Patienten schiebt. Nach identischem Vorgehen auf der Gegenseite wird die Schaufeltrage an Kopf- und Fußende mit den Schnappschlössern geschlossen.

Immobilisation z.B. durch »spine board«

Zur Rettung und Lagerung von Verletzten wird im angelsächsichen Raum standardmäßig das »spine board« eingesetzt. Es besteht aus Holz oder Kunststoff und ist erheblich langlebiger und kostengünstiger als die Vakuummatraze. Am Rand des »spine board« befinden sich längliche Aussparungen, die als Tragegriff oder zur Fixation der Tragegurte verwendet werden können. Die geringe Höhe und die praktische Handhabung gestatten eine akutklinische Versorgung im Schockraum und CT ohne Umlagerung des Patienten. Die Kunststoffmodelle sind zudem meist mit einem Schaumstoffkern versehen und können daher auch zur Rettung im Wasser oder auf Eisflächen eingesetzt werden.

spine board
Abbildung 5: »spine board«.

Nach dem Anlegen einer HWS-Schiene wird der Patient mit der Schaufeltrage auf das »spine board« plaziert. Ist diese nicht vorhanden, wird der Patient schonend auf das »spine board« gedreht. Kopf und HWS werden durch zusätzliche Fixierungssysteme in Neutralposition ruhiggestellt. Durch Klettgurte wird der Patient auf dem Brett gesichert.

Intubation bei Unfallverletzten und eingeklemmten Personen

Die präklinische endotracheale Intubation bei Unfallverletzten gestaltet sich oft schwierig und erfordert aufgrund der besonderen Gegebenheiten am Unfallort spezielle Fertigkeiten und Techniken. Wegen der Inzidenz von HWS-Verletzungen ist auf eine möglichst schonende Intubation unter Stabilisierung der HWS in der »in-line«-Technik zu achten. Insbesondere bei bewußtlosen Patienten wird durch den Rettungsassistenten unter leichtem Zug am Kopf die HWS immobilisiert. Alternativ kann auch eine Intubation bei angelegter HWS-Schienung erfolgen.

Intubation unter Stabilisierung der HWS
Abbildung 6: Intubation unter Stabilisierung der HWS.

Für besondere Situationen empfehlen wir die inverse Intubation, hierbei befindet sich der Notarzt nicht cranial, sondern ventral am Kopf des Patienten. Das Laryngoskop wird mit der rechten Hand wie ein »Eispickel« gehalten, mit der linken Hand wird der endotracheale Tubus unter direkter Sicht eingeführt.

Inverse endotracheale Intubation
Abbildung 7: Inverse endotracheale Intubation.

Diese alternative Intubationsmethode bietet unter anderem folgende Vorteile:
Bei eingeklemmten Patienten, bei denen ein direkter Zugang zum Kopf des Patienten nicht möglich ist, kann dennoch die direkte Intubation unter Sicht erfolgen. Die blind digitale oder blind nasale Intubation, die gerade bei Schädelhirnverletzten kontraindiziert ist, kann so vermieden werden. Die inverse Intubation bietet sich auch im Falle einer Drogenintoxikation an, bei der die Patienten meist in besonders beengten Räumlichkeiten (z.B. Bahnhofstoilette) behandelt werden müssen. Dabei ist die Gefahr einer Kontamination durch Blutkontakt durch die stehende, nach vorne gebeugte Position deutlich verringert.

Anschrift der Verfasser:
Dres. med. Karl-Georg Kanz, Steffen Ruchholtz
Chirurgische Klinik und Poliklinik
der LMU München
Nussbaumstraße 20
80336 München
Telefon (0 89) 51 60-25 11

Klaus Enhuber
Brandoberinspektor
ANR der LMU München
Nussbaumstraße 20
80336 München
Telefon (0 89) 51 60-49 51
Fax (0 89) 51 60-49 52

© 2010 Arbeitskreis Notfallmedizin und Rettungswesen e.V.
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

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